Der Autor, der Lektor, der Zensor

… Es folgte dann ein längerer gedachter Vortrag über die Eigen- und Mimosenhaftigkeiten des Literaturbetriebs, bzw. aller darin Beschäftigten, ein Vortrag, der wegen Belanglosigkeit hier nicht wiedergegeben werden muß, denn wen soll es schließlich interessieren, daß der Dichter A. nur öffentlich zu lesen bereit ist, wenn man ihm ausreichend Rotwein einer ganz bestimmten Marke zur Verfügung stellt, oder daß der Autor B. nur Hotelzimmer mit Farbfernseher akzeptiert, oder daß der Literat C. Fragen nach seinem Werk nicht gestattet und so weiter. Später noch ein Anruf von Niedecken, der zur Teilnahme an hochkarätigem Wettbewerb rät, mein Erdenker brauche jetzt eine solche Promotion. Er solle sich schon mal was einfallen lassen, wie er dort aufzutreten gedenke. Er, Niedecken, sage nur: Sensation, Aufruhr, Provokation. Aber bloß keine Kopie früherer Auftritte, die Stirn sei schon mal aufgeschlitzt worden, nicht wahr.

Mein Erdenker würgte ein Lachen heraus und meinte, er könne sich ja vor aller Augen erschießen, das hätte bestimmt noch keiner getan. Thema: Literatur ist tödlich.

Ja, lachte Niedecken, aber in vielen Fällen nur für den Leser.

In der Nacht konnte er nicht schlafen. Er wurde von der Frage gequält, was die Juroren denn noch erschüttern könnte. Die wollten Abgründe sehen, immer abgründigere Abgründe, das hatten die letzten Jahre gezeigt. Wenn er es schaffen könnte, in ihnen den grausamsten Ekel zu wecken, dann würden sie, pflichtgemäß angewidert zwar, aber doch jubelnd und preisend dem Dichter die Krone aufs Haupt kotzen. Ich ficke Babies. Dieser außermenschliche Satz hatte Ekelgeschichte gemacht. Konnte man den noch steigern? Dagegen wäre doch „Ich fresse Menschen“ noch harmlos. Was gab es schließlich Perverseres, als Babies zu ficken? Er könnte so einen Satz nicht einmal denken, geschweige denn in aller Öffentlichkeit vorlesen. Aber ohne Perversion keine Chance auf einen Preis. Da ihm im Augenblick niemand für Abartigkeiten zur Verfügung stand, versuchte er, mich hin zum Widerlichen zu denken. Ich trat ihm sofort entgegen und warnte: das widerspräche völlig meinem angeborenen Charakter. Ich lasse mich nicht umlügen, rief ich, bloß um ekelverwöhnten Juroren zu gefallen. Ihr Damen und Herren Geschichtenmacher, rief ich, ihr denkt immer nur an euch selbst, ihr wollt für euch den Erfolg und denkt nicht im mindesten daran, welche Verletzungen ihr uns zufügt. Wir sind es doch, die dann damit leben müssen bis in alle Ewigkeit hinein, während euch längst schon das Zeitliche gesegnet hat. Und was ist, wenn ihr Schiffbruch erleidet, wenn der Erfolg ausbleibt? Dann werden wir entweder fallen gelassen wie heiße Kartoffeln, oder ihr zerreißt uns bei lebendigem Leib, so kann das ja wohl nicht gehen …

(Aus: “Sturz durch den Spiegel”)

2 Responses to “Der Autor, der Lektor, der Zensor”

  1. publizist sagt:

    Das ist eine schöne Satire auf den Literaturbetrieb und mit dem Blick auf Fräulein Hegemann sehr aktuell.

  2. Ja, ja, sich nicht umlügen lassen, genau das ist es worum es geht. Ein nachdenklich machender Text, weit mehr als nur “schöne Satire” wie mein Vorredner meint. Eigentlich gar keine Satire, und wenn überhaupt, eine die ihm Hals stecken bleibt.

Leave a Reply