Das Programm sah eine Rede mit Preisverleihung vor, danach Eröffnung des Buffets, ab 22 Uhr Tanz, Mitternachtsmenü, open end.
Dr. phil. et rer. pol. hc. Niedermacher hüstelte ins Mikrophon und sagte: Pardon! Liebe Freunde, darf ich um etwas Aufmerksamkeit bitten.
Dankeschön.
Dann hielt er die übliche Rede: Literatur und Wein.
Er verglich den Reifungsprozeß der Trauben mit dem Reifungsprozeß einer Idee, die Traubenlese mit der mühseligen Arbeit der Stoffsammlung, den Oexlegrad mit dem literarischen Gehalt eines Werkes usw.
Dann nannte er seine anwesenden Autoren beim Namen, was sich anhörte, als komme er nun auf die exklusivsten Flaschen zu sprechen.
Er begrüßte Liebeneiner (den ich gut kannte) - Applaus! -, Sorgenfrey (den ich nicht sehr gut kannte) - Applaus! -, Karge (der sich nicht kennenlernen ließ) - Applaus! -, Hoelzl (der sich geweigert hätte, von mir gekannt zu werden) - Applaus! - und Radeck (der ich nicht war) - stotternder Applaus! -, alles wahrhaft typische Vertreter ihres Genres. Liebeneiner und Sorgenfrey, als Romanciers, zeigten sich weltmännisch, überlegen, redeten stets druckreif, waren versoffen und den Damen zugetan, der Lyriker Karge war hypersensibel, weltfremd, ätherisch, unantastbar, pädophil, der Dramatiker Hoelzl wirkte finster und tragisch und sprach immer lautstark, als müsse er geplante Dialoge und Monologe auf ihre Wirkung hin überprüfen, und Radeck, der Lohn- und Auftragsschreiber im Verzug, stellte infolgedessen den Angestellten dar, der sich höflich dafür bedankte, wenn er mit so großen Namen in einem Atemzug genannt wurde, was man als ironische Bescheidenheit mißverstand.
Danach erfolgte die Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers der Niedermacherstiftung. Es ist – Dr. Robert Karge!
Donnernder Applaus!
Die Laudatio hielt, der Einfachheit halber, der Stifter selbst. Er kam nur auf eines zu sprechen: auf Karges obsessive Bedichtung des Wassers. Konsequenter habe noch kein Lyriker der Neuzeit das Wasser poetisiert. Vielfältiger und mysteriöser und absurder und surrealistischer habe noch keiner das Wasser beschrieben usw. Außer den ehrenden Worten bestand der Preis aus einer Kiste Wein und einer Medaille, die ein wenig dem Bundesverdienstkreuz glich und als Ordensband zu tragen war. Karge ließ sie sich anheften und machte dazu ein derart durchgeistigtes Gesicht, daß man meinen konnte, durch eine Wasserblase zu sehen. Doch dann zeigte er sich überraschend witzig und hauchte: Zur Strafe lese ich Ihnen nun ein Gedicht. Polterndes Gelächter und noch einmal Applaus.
Aber dann, endlich: die Freigabe des Buffets, das übliche Drauflosgerenne, bezeichnend, daß die Kraft und die Spannweite meiner Ellbogen nicht ausreichten, um zu den feineren Delikatessen vorzudringen. Kaviar, Hummer, Krevetten, Lachs, Taubenbrüstchen, Gänseleberpastete… alles war im Nu auf die Teller geschaufelt, mir blieb noch die Wahl zwischen gefüllten Eierhälften, spanischen Oliven, französischer Salami und diversen Salaten …
In meiner Nähe stand jetzt Liebeneiner (”Mich liebt keiner!”), der sich angeregt mit einer etwas blassen, eingeschüchtert wirkenden, jüngeren Frau (Typ: Bibliothekarin) unterhielt. Diese Art Frau war seine weithin bekannte Spezialität. Wenn Liebeneiner unterwegs war auf Promotiontour, “on the road”, wie er sagte, konnte man sicher sein, daß er überall beglückte Veranstalterinnen hinterließ, sofern die nur blaß, schüchtern und unter dreißig waren. Der Mann mit den schon leicht angegrauten Schläfen, zu dessen Kennzeichen das zerknautschte Leinensakko von Guy Laroche und der schwarze Alfa Romeo gehörten, machte Eindruck. Auch auf mich. Besonders auf mich. Ich bewunderte ihn für die psychoanalytische Zielsicherheit, von welcher die Frauen anscheinend so fasziniert waren, daß sie ihn ohne größere Widerstände in sich eindringen ließen. Liebeneiner spielte auf dieser psychoanalytischen Orgel wie ein genialer Konzertorganist. Manchmal freilich übertrieb er es und hinterließ Opfer. Die schufen dann den zum Schreiben nötigen Gewissenskonflikt. Er verewigte sie also. Das war das mindeste, was er für seine Opfer tun konnte.
Im Augenblick war er aber noch nicht entschieden, ob sich der Einsatz der psychoanalytischen Orgel bei seiner Gesprächspartnerin lohnte. Seinen Blicken glaubte ich zu entnehmen, daß er mit den höchstens mandarinengroßen Brüsten nicht völlig zufrieden war. Er mußte die Frau zum Lachen bringen, um feststellen zu können, ob da nicht doch etwas mehr aus dem Dekolleté hüpfe, als bloß diese verzagten Schwellungen. So wie Karge vom Wasser besessen war, war er es von Brüsten, die in seinen Romanen gehäuft vorkamen. Die Frauen darin entblößten stets ihre Brüste, und es gelang ihm, sie derart treffend zu beschreiben, daß man meinte, sie in der Hand zu halten. Überall sah Liebeneiner Brüste. Auch Landschaften, vor allem die verschiedenen Hügelformen, beschrieb er als Brüste, so daß die Spaziergänge in seinen Büchern zu erotischen Besteigungen gerieten. Offenbar befand er sich auf der Suche nach der allergrößten, allermächtigsten, an die Grenze der Sprache heranreichenden Brust.
Fasziniert beobachtete ich, wie er jetzt versuchte, die Brüstchen der jungen Frau allein mit den Mitteln der Sprache zum Vorschein zu bringen. Tatsächlich hoben und senkten sie sich, und hüpften fröhlich, wenn er sie zum Lachen brachte. Leider konnte ich in dem allgemeinen Gesprächsdurcheinander nicht hören, was Liebeneiner sagte, aber wie er es sagte, das sah ich. Er sprach nicht mit der Frau, sondern er besprach deren Brüste, er flötete sie an, wie ein Schlangenbeschwörer. Bewundernswert. Liebeneiner war mir nicht nur literarisch um Welten voraus. Deswegen konnte er mich auch einigermaßen gut leiden. Er geruhte sogar, mich zu bemerken. Als er sah, daß ich ihn sah, zwinkerte er mir zu, so vertraulich, als bestünden geheime Abmachungen zwischen uns. Dieses Zwinkern von Liebeneiner war so viel wert wie der Niedermacher-Literaturpreis. Für mich. Ich fühlte mich jedenfalls geehrt. Ja, zwei, drei Sekunden lang fühlte ich mich geehrt.
Dann schwebte die Gattin des dreifachen Doktors heran und machte mir wieder klar, wohin ich gehörte: Ich überlege mir schon den ganzen Abend, wo ich Sie zuletzt gesehen habe, Radeck. War es nicht vor etwa zehn Jahren in der Staatsbibliothek, wo Sie aus der Hand meines Gatten ein Stipendium erhielten?
Mag schon sein, daß das zehn Jahre her ist, sagte ich und stellte mich auf die Zehenspitzen, denn ich wollte unbedingt sehen, wie weit Liebeneiner mit seinen Brüsten war, doch die hauptberufliche Gattin versperrte mir hartnäckig das Blickfeld.
Und, sagte sie, hat es geholfen?
Was? fragte ich.
Das Stipendium, sagte sie.
Schon, sagte ich.
Meine wenig mitteilsame Art beeindruckte sie überhaupt nicht. Sie fragte nach meinen Lektüregewohnheiten, Klassik oder eher Neuzeit?
Proust, sagte ich. Ich lese nur Proust, seit Jahren ausschließlich Proust.
Oh! sagte sie, aber wenn schon Proust, dann doch wohl hoffentlich im Original.
Klar, sagte ich.
Sie nickte. Das muß man anerkennen, Proust im Original, immerhin, das trifft man selten, und woran schreiben Sie gerade?
Ich schreibe über den Furz und seine Beziehung zum Unbewußten, sagte ich.
Aha, sagte sie.
Genau, sagte ich.
Ihr ragte der Schwanz einer Riesengarnele aus dem Mund.
aus: Zengeler, Der Narr, Neunzehnhundertirgendwann
Untote sind per se Philosophen. Folglich bin ich auch einer. Ich sage: Kindheit und Jugend hat man zwangsläufig, sofern man nicht vorher stirbt. Der Gedanke daran ermüdet mich. Da wacht sofort der Schlaf in mir auf. Sie rühren mich, mein Herr. Daher will ich Ihnen, ehe ich niedersinke, schnell noch eine Geschichte erzählen: