Erkundigungen einholen, Ermittlungen anstellen: Was alles wirkt auf den ein und sich dann wieder auf mich aus? Wer schreibt ihm etwas vor? Was also sind die wahren Motive, die wahren Hintergründe meiner Geburt?
Unterwegs auf schmalen Pfaden mäandrischer Hügelketten, kahl, zerfressen, zerstörte Natur, alles durchlöchert, ausgehöhlt, poröses Gestein, aufgewühlte, ausgetrocknete Gedankenäcker, Folgen einer zerstörenden Kraft, aber welcher?
Sie zeigt sich mir wenig später, wird verkörpert durch ein an Fettsucht leidendes, schwitzendes, übel riechendes und ebenso gelauntes Wesen, wohl männlich, mit scharfen Klauen anstelle von Fingernägeln und Nagetiergebiß.
Er gräbt, untergräbt, höhlt aus, bohrt an, zernagt, bringt mühelos Gedankengebäude zum Einsturz, und was sich wieder hochdenken will, wird nach kurzer Geschmacksprüfung ebenso schnell wieder abgetragen von ihm, daß es erst gar nicht die Chance zum Wachsen bekommt.
Dieses Tun verlangt nach einer Erklärung. Was bringt diese Zerstörung ihm ein?
Er spuckt verächtlich ein mageres Gedankenknöchelchen aus und geifert: Höchste Vollendung,, ich verlange die höchste Vollendung, die absolute Perfektion, kapiert! Aber das hier ist alles verdorben, ungenießbar, zudem auf Sand gebaut, unhaltbar, einfallslose Architektur, kann man getrost vergessen, das bereichert die Welt nicht, das baut sie nicht neu.
Er mustert mich kritisch, entblößt sein scharfes Gebiß, rollt mit den Augen, zeigt dann mit dem Daumen nach unten: Dir seh ich gleich an, daß die Worte nichts taugen, aus denen du gemacht worden bist, höhnt er. Solche wie dich rauch ich zum Frühstück in der Pfeife, eingeäschert gehörst du sofort.
Mein Gott! entfährt es mir.
Da magst du recht haben, wirft er sich stolz in die Brust, das bin ich schon, ein Gott der Zerstörung, was das Mindere betrifft, aber auch eine treibende Kraft für das Genie.
Es kann doch aber nicht jeder mit höheren Weisheiten gesegnet sein, wende ich ein, der Minderbemittelte hat auch sein Recht.
Schon, gesteht er mir zu. Aber dann muß wenigstens der Erschaffer desselben was auf dem Kasten haben, dann muß das Mindere Kunst werden. Aber was der da - er meint meinen Erdenker - in letzter Zeit schafft, ist so wenig stabil, daß der Hauch meines Atems genügt, es in Sack und Asche zu blasen.
Wie er das sagt, wirft er sich wieder stolz in die Brust und bläst zum Beweis seiner Macht gleich Satzgerüste zu Schrott.
Erzähl mir deine Geschichte, fordere ich ihn auf, woher kommst du, was hat dich geboren, was hält dich noch hier, wo dir doch anscheinend alles mißfällt?
Er unterbricht seine Arbeit, er setzt sich, säuft geschwind noch eine Denkquelle leer, wischt sich das Maul und rülpst: Krank kann man wer’n von dem Zeugs, siehst ja selber, wie mich das gemacht hat im Laufe der Zeit, so sah ich nicht immer aus. Das Wesen, das in mir ist, kam mit dem ersten Gedanken, dem Urgedanken sozusagen zur Welt, zu der Zeit, da der Mensch ein Bewußtsein von sich bekam, das Fragen aufwarf. Es ist in vielen daheim, in Millionen von Hirnen. Besonders lebendig wird es, wo Entscheidung und Urteil anstehn, auch blüht es prächtig in den Sensiblen, in den Ungläubigen sowieso, des weiteren in Skeptikern und Pessimisten, aber Gott und Teufel in einem wird es erst in den sogenannt Kreativen, in denen regiert es unumschränkt, kann allmächtig, um nicht zu sagen übermächtig werden, doch das nur nebenbei.
Jetzt zu dem hier. Das ist ein schwieriger Fall. Wann genau ich einzog in den, vermag ich nicht mehr zu sagen. Kann sein, er rief mich bereits in der Stunde seiner Geburt. Wenn ich davon mal ausgehe, dann drückte sein erster Schrei schon Ungläubigkeit aus, dann stand das Mißtrauen Pate. Mit einiger Sicherheit kann man sagen, daß er sich nicht mehr wohl fühlte in seiner Haut, von dem Augenblick an, als er „ich“ sagen konnte. Das bezweifelte er. Ich? Wieso Ich? Was ist Ich? Das gab Arbeit für mich, das weckte meine Lebensgeister, das hauchte mir Seele ein. Und das Fragen hörte nie auf. Um es auf den springenden Punkt zu bringen: Er glaubte sich nicht, er vertraute sich nie. Er überfütterte mich mit Fragen, alle beginnend mit einem großen Warum, das machte mich krank, ihn übrigens auch. Die Folge: er wandte sich von mir ab. Er taumelte haltlos durchs Leben, suchte das Vergnügen, das Abenteuer, hoffte auf Wunder, auf den glücklichen Zufall, auf was weiß ich noch alles. Er existierte zweifellos, zweifelsfrei. Aber unglücklich. Je weiter sich einer von mir entfernt, desto gewissen- und skrupelloser wird er auch. Ohne mich stellt sich keiner in Frage. Wer sich aber nicht mehr in Frage stellt, wird am Ende gleichgültig gegen sich selbst und die Welt. Anders gesagt: er stirbt ab. Das hätte ihm auch geschehen können, hätte sein Unglück nicht eines Tages zur Sprache gedrängt. Er schrieb also auf, was ihm fehlte. Um es kurz zu machen: diese Notizen gelangten irgendwann zufällig in die Hände eines berufenen Schreibers, der meinte, das sei eine Sprache, die sich durchaus an andere wenden dürfe, er sei wohl ein Dichter. Das gefiel dem, der schon geglaubt hatte, für nichts mehr zu taugen, natürlich nicht übel. Es ist genau die richtige Aufgabe für mich, dachte er leichtfertig, ein Buch schreiben und damit berühmt werden und reich. Und dann das viele Geld verbraten. Und dann eben wieder eins schreiben. Und so weiter. Nichts leichter als das …
(Zengeler: “Sturz durch den Spiegel”)
