Der Narr oder Literatur & Szene & Wein

Juli 25th, 2010 by Hans Zengeler

didiDas Programm sah eine Rede mit Preisverleihung vor, danach Eröffnung des Buffets, ab 22 Uhr Tanz, Mitternachtsmenü, open end.

Dr. phil. et rer. pol. hc. Niedermacher hüstelte ins Mikrophon und sagte: Pardon! Liebe Freunde, darf ich um etwas Aufmerksamkeit bitten.
Dankeschön.
Dann hielt er die übliche Rede: Literatur und Wein.
Er verglich den Reifungsprozeß der Trauben mit dem Reifungsprozeß einer Idee, die Traubenlese mit der mühseligen Arbeit der Stoffsammlung, den Oexlegrad mit dem literarischen Gehalt eines Werkes usw.
Dann nannte er seine anwesenden Autoren beim Namen, was sich anhörte, als komme er nun auf die exklusivsten Flaschen zu sprechen.
Er begrüßte Liebeneiner (den ich gut kannte) - Applaus! -, Sorgenfrey (den ich nicht sehr gut kannte) - Applaus! -, Karge (der sich nicht kennenlernen ließ) - Applaus! -, Hoelzl (der sich geweigert hätte, von mir gekannt zu werden) - Applaus! - und Radeck (der ich nicht war) - stotternder Applaus! -, alles wahrhaft typische Vertreter ihres Genres. Liebeneiner und Sorgenfrey, als Romanciers, zeigten sich weltmännisch, überlegen, redeten stets druckreif, waren versoffen und den Damen zugetan, der Lyriker Karge war hypersensibel, weltfremd, ätherisch, unantastbar, pädophil, der Dramatiker Hoelzl wirkte finster und tragisch und sprach immer lautstark, als müsse er geplante Dialoge und Monologe auf ihre Wirkung hin überprüfen, und Radeck, der Lohn- und Auftragsschreiber im Verzug, stellte infolgedessen den Angestellten dar, der sich höflich dafür bedankte, wenn er mit so großen Namen in einem Atemzug genannt wurde, was man als ironische Bescheidenheit mißverstand.
Danach erfolgte die Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers der Niedermacherstiftung. Es ist – Dr. Robert Karge!

Donnernder Applaus!

Die Laudatio hielt, der Einfachheit halber, der Stifter selbst. Er kam nur auf eines zu sprechen: auf Karges obsessive Bedichtung des Wassers. Konsequenter habe noch kein Lyriker der Neuzeit das Wasser poetisiert. Vielfältiger und mysteriöser und absurder und surrealistischer habe noch keiner das Wasser beschrieben usw. Außer den ehrenden Worten bestand der Preis aus einer Kiste Wein und einer Medaille, die ein wenig dem Bundesverdienstkreuz glich und als Ordensband zu tragen war. Karge ließ sie sich anheften und machte dazu ein derart durchgeistigtes Gesicht, daß man meinen konnte, durch eine Wasserblase zu sehen. Doch dann zeigte er sich überraschend witzig und hauchte: Zur Strafe lese ich Ihnen nun ein Gedicht. Polterndes Gelächter und noch einmal Applaus.
Aber dann, endlich: die Freigabe des Buffets, das übliche Drauflosgerenne, bezeichnend, daß die Kraft und die Spannweite meiner Ellbogen nicht ausreichten, um zu den feineren Delikatessen vorzudringen. Kaviar, Hummer, Krevetten, Lachs, Taubenbrüstchen, Gänseleberpastete… alles war im Nu auf die Teller geschaufelt, mir blieb noch die Wahl zwischen gefüllten Eierhälften, spanischen Oliven, französischer Salami und diversen Salaten …

In meiner Nähe stand jetzt Liebeneiner (”Mich liebt keiner!”), der sich angeregt mit einer etwas blassen, eingeschüchtert wirkenden, jüngeren Frau (Typ: Bibliothekarin) unterhielt. Diese Art Frau war seine weithin bekannte Spezialität. Wenn Liebeneiner unterwegs war auf Promotiontour, “on the road”, wie er sagte, konnte man sicher sein, daß er überall beglückte Veranstalterinnen hinterließ, sofern die nur blaß, schüchtern und unter dreißig waren. Der Mann mit den schon leicht angegrauten Schläfen, zu dessen Kennzeichen das zerknautschte Leinensakko von Guy Laroche und der schwarze Alfa Romeo gehörten, machte Eindruck. Auch auf mich. Besonders auf mich. Ich bewunderte ihn für die psychoanalytische Zielsicherheit, von welcher die Frauen anscheinend so fasziniert waren, daß sie ihn ohne größere Widerstände in sich eindringen ließen. Liebeneiner spielte auf dieser psychoanalytischen Orgel wie ein genialer Konzertorganist. Manchmal freilich übertrieb er es und hinterließ Opfer. Die schufen dann den zum Schreiben nötigen Gewissenskonflikt. Er verewigte sie also. Das war das mindeste, was er für seine Opfer tun konnte.

Im Augenblick war er aber noch nicht entschieden, ob sich der Einsatz der psychoanalytischen Orgel bei seiner Gesprächspartnerin lohnte. Seinen Blicken glaubte ich zu entnehmen, daß er mit den höchstens mandarinengroßen Brüsten nicht völlig zufrieden war. Er mußte die Frau zum Lachen bringen, um feststellen zu können, ob da nicht doch etwas mehr aus dem Dekolleté hüpfe, als bloß diese verzagten Schwellungen. So wie Karge vom Wasser besessen war, war er es von Brüsten, die in seinen Romanen gehäuft vorkamen. Die Frauen darin entblößten stets ihre Brüste, und es gelang ihm, sie derart treffend zu beschreiben, daß man meinte, sie in der Hand zu halten. Überall sah Liebeneiner Brüste. Auch Landschaften, vor allem die verschiedenen Hügelformen, beschrieb er als Brüste, so daß die Spaziergänge in seinen Büchern zu erotischen Besteigungen gerieten. Offenbar befand er sich auf der Suche nach der allergrößten, allermächtigsten, an die Grenze der Sprache heranreichenden Brust.

Fasziniert beobachtete ich, wie er jetzt versuchte, die Brüstchen der jungen Frau allein mit den Mitteln der Sprache zum Vorschein zu bringen. Tatsächlich hoben und senkten sie sich, und hüpften fröhlich, wenn er sie zum Lachen brachte. Leider konnte ich in dem allgemeinen Gesprächsdurcheinander nicht hören, was Liebeneiner sagte, aber wie er es sagte, das sah ich. Er sprach nicht mit der Frau, sondern er besprach deren Brüste, er flötete sie an, wie ein Schlangenbeschwörer. Bewundernswert. Liebeneiner war mir nicht nur literarisch um Welten voraus. Deswegen konnte er mich auch einigermaßen gut leiden. Er geruhte sogar, mich zu bemerken. Als er sah, daß ich ihn sah, zwinkerte er mir zu, so vertraulich, als bestünden geheime Abmachungen zwischen uns. Dieses Zwinkern von Liebeneiner war so viel wert wie der Niedermacher-Literaturpreis. Für mich. Ich fühlte mich jedenfalls geehrt. Ja, zwei, drei Sekunden lang fühlte ich mich geehrt.
Dann schwebte die Gattin des dreifachen Doktors heran und machte mir wieder klar, wohin ich gehörte: Ich überlege mir schon den ganzen Abend, wo ich Sie zuletzt gesehen habe, Radeck. War es nicht vor etwa zehn Jahren in der Staatsbibliothek, wo Sie aus der Hand meines Gatten ein Stipendium erhielten?
Mag schon sein, daß das zehn Jahre her ist, sagte ich und stellte mich auf die Zehenspitzen, denn ich wollte unbedingt sehen, wie weit Liebeneiner mit seinen Brüsten war, doch die hauptberufliche Gattin versperrte mir hartnäckig das Blickfeld.
Und, sagte sie, hat es geholfen?
Was? fragte ich.
Das Stipendium, sagte sie.
Schon, sagte ich.
Meine wenig mitteilsame Art beeindruckte sie überhaupt nicht. Sie fragte nach meinen Lektüregewohnheiten, Klassik oder eher Neuzeit?
Proust, sagte ich. Ich lese nur Proust, seit Jahren ausschließlich Proust.
Oh! sagte sie, aber wenn schon Proust, dann doch wohl hoffentlich im Original.
Klar, sagte ich.
Sie nickte. Das muß man anerkennen, Proust im Original, immerhin, das trifft man selten, und woran schreiben Sie gerade?
Ich schreibe über den Furz und seine Beziehung zum Unbewußten, sagte ich.
Aha, sagte sie.
Genau, sagte ich.
Ihr ragte der Schwanz einer Riesengarnele aus dem Mund.

aus: Zengeler, Der Narr, Neunzehnhundertirgendwann

Noch so ein Tag

Juli 19th, 2010 by Hans Zengeler

Zum Beispiel der 27. März:
Noch immer kalt. Im Norden Schnee und Frost. Landtagswahlen: das Übliche, alle haben gewonnen. Im Fernsehquiz stolperte eine angehende Urologin über Shakespeare. Aber mehr noch über ihre Fehleinschätzung, der Quizmaster sei auf ihr heftiges Flirten angesprungen und werde sie vor dem Schritt in den Abgrund bewahren: er tat es dagegen mit Genuß, er ließ sie genüßlich abstürzen. Mein Rücken macht Probleme. Die Putzfrau putzt. Meine Frau putzt auch, damit die Putzfrau anschließend putzen kann. Heute muß ich viel erledigen, sagt sie, meine Frau. Ich reiche ihr wortlos die Zeitung, damit sie ihre Tätigkeitsaufzählung nicht fortsetzt. Die Tauben sitzen auf ihrem Lieblingsplatz: der Dachfirst des gegenüberliegenden Reihenhauses. Ich werfe einen um den anderen Blick aus dem Fenster, bis alle Blicke verloren gehen. Meine Frau geht zum Obi. Heutzutage will jeder ganz unbedingt ins Fernsehen. Frauen bewerben sich um den Titel der Partyschlampe, ziehen sich aus, bezwirbeln ihre Brustwarzen vor laufender Kamera. Kaleidoskop der Alltäglichkeiten. Nichts ist banal, weil alles banal ist. So ein Blick in ein durch permanente Zerstreuung zersplittertes Hirn. Die Putzfrau putzt immer noch. Ob ich mich aufs Ohr legen werde? Du darfst jetzt eine halbe Stunde nicht rauchen, weil du Medikamente eingenommen hast. Das wiederum erinnert mich an den Urologen, der totalen Rauchstop befohlen hat nach Einnahme von Antibiotika. Waren das Zeiten, als einem die Blase gespiegelt wurde, als der Herr Doktor, mit Schlachterschürze angetan, vor einem stand, das Gemecht des Patienten direkt vor dem Gesicht und einem dann mit der Bemerkung, es könne etwas unangenehm werden, das durchwässerte Rohr durchs eigene Rohr bis zum Anschlag hochschob, daß einem Hören und Sehen verging, ein Talkshowthema: wie man sich als Mann auf dem gynäkologischen Stuhl fühlt. Interessiert es dich? Bestimmt nicht! Es ist nicht auf den Anrufbeantworter gesprochen worden. AB, heißt das, was mir ebenso fremd bleiben wird, wie geil, obergeil usw. An deinem Sprachempfinden stellst du dein Altern fest. Das erste Modewort, das dich stört, befremdet, wütend macht, - es ist das Signal: jetzt wirst du alt, jetzt hat eine andere Generation das Sagen übernommen. A. sagt: Die alten Leute gehörten aus dem Verkehr gezogen, mit 60 spätestens sollten sie den Führerschein abgeben …oder noch besser: sie sollten sich für das sozialverträgliche Frühableben entscheiden …

(Zengeler: TagesLäufe, verlegte Texte)

Erleuchtet!

Juli 15th, 2010 by Hans Zengeler

Eigentlich warte ich auf die Erleuchtung. Seit Jahren. Und nicht nur, daß mir ein Licht aufgeht, nein. Erleuchtung soll es sein. Eines Morgens werde ich die Augen aufschlagen, und es soll so hell im Zimmer sein, daß jeder Gegenstand, auch der unbedeutendste, von mir erkannt werden kann. Und also auch begriffen. Und natürlich soll dieses Licht auch auf mich fallen. Ein Röntgenlicht soll es gewissermaßen sein, von metaphysischer oder spiritueller Qualität, ich weiß nicht genau, wie ich es nennen soll. Jedenfalls sollte, wenn ich dann in den Spiegel sehe, alles durchschaubar sein, mein Selbst, meine sogenannte Seele, meine Gedanken. Ich würde mich dann begriffen haben. So stelle ich mir wenigstens die erste Stufe meiner Erleuchtung vor. Ich wüßte ganz genau, wer ich bin und was ich hier zu suchen habe. Auf der nächsten Stufe würde mir dann die Hinter- und Abgründigkeit der Welt enthüllt. Ich begriffe sie ganz und gar, und schließlich fiele das unter Umständen erbarmungslose Licht auch noch auf das Leben selbst: was ist es, was bedeutet es, warum und wozu wird es einem gegeben und schließlich wieder genommen. Marlis sagt: Denk nicht so viel, schaff endlich was …

(aus: Zengeler, Hirnrisse, kein Roman)

Irrläufer

Juni 15th, 2010 by Hans Zengeler

Gluthitze - heiß wie in einem Backofen - - - der Schweißgeruch Fischgeruch Uringeruch - - - morgens Sonne abends Gewitter - seit wann fürchtest du dich eigentlich vor Donner und Blitz - Augen und Ohren zuhalten - die Großmutter hat sich bei jedem Gewitter auf die unterste Treppenstufe gesetzt mit einem Notgepäck Geld Ausweise Versicherungspapiere - - Taifun vor zwei Jahren passen Sie doch auf wo Sie hinlaufen Hagel Bäume wie Streichhölzer geknickt schwefelgelber Wolkenbrei zehn Minuten der Spuk wütend über die Ohnmacht - - - - - - hasse fette Tauben pfui Teufel gemma Taubn vergiftn im Park - Süskind genau - - - - - kastanienrotes Haar wippende Brüste - na ja - - - - - - - der BMW-Fahrer ist ein sportlich versnobter Idiot mit Killerinstinkt - soziologische Untersuchung des Fahrverhaltens in Relation zum Wagentyp gesetzt - mal andenken - - schrille Kläffer freche Flitzer spritzen durch den Verkehr als wollten sie Duftmarken setzen - guter Satz - merken - speichern - rührend ordnungsliebend aber auch mit Denunziantenqualitäten der Fahrer mit Hut und überhäkelter Klopapierrolle auf hinterer Ablage - Brüste überall wippende fröhliche Brüste - breitärschig dahinschleichende Mercedesse schwitzende Specknacken straßenbesitzergreifend - im Auto tritt Verhaltenswahrheit zutage - rast so ein BMW schwarz Dreierklasse auf Fußgängerampel zu daß die dort Wartenden erschrocken zur Seite spritzen - mal so einem Typ stundenlang in die Fresse hauen - - - - - - - Pitbullbesitzer bräuchten einen Waffenschein für ihren Charakter feige verschlagene hinterhältige Visagen - - - - - - - - - aus Schaufenstern schrie ihm der geballte Luxus entgegen Lachs schimmerte rosig auf zerstoßenes Eis gebettet rotglibbrig perlte der Kaviar aus der Dose - speichern - - hier Selbsthilfegruppen gegen Freßsucht dort Tod durch Hunger - - - Deutschland den Deutschen Triumphzug der unsterblichen Dummheit - - mal einen Politiker einen Tag lang nicht aus seinen Versprechen entlassen ihn festnageln ihm jedesmal in die Schnauze hauen wenn er lügt ihn mit seinen Opfern konfrontieren - - - - - - - - - - Spottet ja nicht des Kinds wenn es auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt denn auch ihr Deutschen seid tatenarm und gedankenvoll - - - wenn es sehr heiß ist nimmt die Vergewaltigungsbereitschaft der Männer zu - - nichts denken - - - - - - - - - - - - wie geht’s ganz gut danke ich hab mir gerade eine Eigentumswohnung gekauft stell dir vor am Montag bei Fred am Dienstag Party bei Hans am Mittwoch Polterabend bei Gerald am Donnerstag Fete bei Jan am Freitag Abschied von Helen ich komm zu nichts mehr - in den Osten fahr ich nicht zu diesen plötzlich erwachten Überdeutschen - - - - Django - was der wohl macht - Zigaanabluod is kaa Budamüich hat er immer gerufen - ihr könnt’s olle meine Eier fressen - draußen auf seinem Platz damals wie lang ist das her - gesoffen jeden Tag - der letzte Mohikaner - ich mach meine eigenen Gesetze ich brauch für nichts eine Erlaubnis - all die groß und kleinbürgerlichen Neurotiker sind zu ihm gepilgert um Freiheit zu lernen - er verführt unsere Kinder haben die Eltern gejammert die Stadt hat ihm den Platz mit Klärschlamm einfach zugeschüttet - der neue Oberbürgermeister kam sah und siegte hat in der Zeitung gestanden - - am Ende hat sich herausgestellt daß Django gar kein Zigeuner ist - wozu dann die Geschichte mit den vergasten Eltern - - - zieht zu - von einem Blitz aus heiterem Himmel getroffen zu werden ist auch nicht gerade - - heimgehen - Wortklang heim - komisch - - - - - -

Wo bist du gewesen?
Unterwegs in der Stadt.
Was hast du gesehen, wen getroffen, mit wem gesprochen?
Ich habe nichts bestimmtes gesehen, niemanden getroffen, mit keinem gesprochen.
Was hast du erlebt?
Gedanken.

(Zengeler: Der Sturz durch den Spiegel)

Das Charismaprogramm

Mai 5th, 2010 by Hans Zengeler

Gregor fragte sich, was ihn als nächstes erwartete. Was könnten die noch vorhaben mit ihm? Welche Auflösung käme in Frage? Er hatte mal von einem Training gelesen, dessen Abschluß darin bestand, nachts allein durch den Wald zu gehen. Man suggerierte der Testperson, daß es dabei hauptsächlich auf ihr Orientierungsvermögen ankäme, aber das diente nur der Ablenkung. In Wahrheit ging es um etwas ganz anderes. Man inszenierte Geräuschterror vom Tonband, Stimmen, Geflüster, Gelächter, wilde Tiere. Dann auch wieder lange Phasen der Stille. Auf diese Weise sollte in der Testperson nach und nach Angst aufgebaut werden. Man weiß ja, es gibt keine größere Angst, als die Vorstellung, aus der Dunkelheit heraus von einem wilden Tier angefallen zu werden. Es ist dies eine Ur-Angst des Menschen. Und genau darauf zielt man ab. Man will den Manager so weit bringen, daß er an das wilde Tier wenigstens denkt. Die Geräusche befördern das. Der Mann wird nervös. Er versucht die Geräusche zu orten und zu definieren, denn was definiert und geortet ist, schwächt die Angst ab zur konkreteren Furcht: ein Käuzchen, der Wind, die eigenen Schritte, das klopfende Herz…
Der was taugt, dachte Gregor, geht seinen Weg ruhig weiter, ohne die potentiellen Gefahren zu vergessen. Er programmiert sich so, daß er in jedem Augenblick auf eine plötzlich auftauchende Gefahr adäquat reagieren kann.
In dem Bericht hatte gestanden, daß die Trainer im Manager absichtlich die Bereitschaft zur Gewalttätigkeit zu wecken versuchten. Man werde auch tatsächlich über ihn herfallen und auf ihn einschlagen; und zwar im Augenblick seiner höchsten, nicht mehr zu steigernden nervlichen Anspannung.
Wenn er nicht zurückschlägt, dachte Gregor, wenn er sich wie ein Hund gleich auf den Rücken wirft und sich so zu seiner Unterlegenheit bekennt, oder wenn er versucht, etwa durch ein Gespräch Gewalt zu verhindern, ist er durchgefallen. Der was taugt, schlägt ohne zu überlegen zurück, in ihm ist der erwünschte Killer-Instinkt durchgebrochen, der für den Erfolg eines Geschäfts ja auch unbedingt notwendig ist. Wollen sie mich in eine vergleichbare Situation zwingen? fragte er sich…

Aber hier geschieht nichts dergleichen, hier passiert überhaupt nichts, was noch viel schlimmer ist, korrigiert der Erdenker und schreibt vor: Du gehst wieder ins Hotel. Es ist immer noch niemand da, immer noch still. Es könnte sein, daß man dich glauben lassen will, alle seien abgereist. Dein Blick fällt auf die Treppe, die in den Keller hinabführt (wo kommt diese Treppe so plötzlich her? Warum habe ich sie nicht früher entdeckt?). Du siehst eine erst vor kurzem eingelassene Stahltür und fragst dich, was wohl dahinter sein könnte. Sehr mutig bist du nicht (bin ich doch!). Das Raubtier. Das Entsetzen. Der tödliche Schrecken. Du gibst dir einen Ruck. Du denkst: Wenn ich es nicht schaffe, hinter diese Tür zu schauen, dann habe ich versagt, dann sind alle bisherigen Mühen umsonst gewesen.
Du gehst langsam nach unten.
Du stehst vor der Tür (na endlich!).
Du nimmst die Klinke in die Hand, drückst sie nieder, spürst, wie die Tür nachgibt, du öffnest sie langsam, sehr langsam. Du siehst nichts. Kein Licht. Du hörst ein Gebläse. Deine Hand tastet nach dem Lichtschalter. Du findest ihn. Jetzt siehst du einen langen Gang mit weiteren Türen, die beschildert sind: Heizung, Kühlraum, Weinkeller usw. Nur eine Tür hat keine Beschilderung. Du gehst darauf zu (ich würde aber den Weinkeller wählen!), du legst dein Ohr daran. Außer deinem Herzschlag hörst du nichts. Du mußt da hinein (warum?). Du kannst jetzt nicht aufgeben (warum nicht?). Nur noch diese eine Tür (und dann?). Du holst tief Luft, hältst den Atem an und öffnest die Tür. Licht (woher?). Was du siehst, ruft keinen Schrecken hervor, bloß Staunen. Es handelt sich um eine Art Video-Raum mit einer Monitorwand, mit Computern, einem Kommandopult. Das mußt du dir alles mal genauer ansehen. Du schaltest die Monitore ein. Sie zeigen die Hotelzimmer. Alle leer. Also Kameras drinnen versteckt, das überrascht dich nicht, du hast sowas ja vermutet, du hast dich also zurecht beobachtet gefühlt, das beruhigt dich, du hast dir nichts zusammengesponnen.
In einem unverschlossenen Blechspind entdeckst du Videocassetten, die meisten mit dem Aufkleber “Seminar” und einem Datum versehen. Eine Cassette weckt deine Neugier ganz besonders. Sie trägt die Aufschrift Charisma. Du erinnerst dich an das von der Konzernleitung erwähnte Charisma-Programm. Du schiebst die Cassette in einen Recorder, und alsbald erscheint Frau Ehlert, die Chefpsychologin auf dem Monitor. Sie steht an einem Rednerpult, hinter ihr eine Schautafel mit Gesichtern, über die ein Raster gelegt ist…

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich herzlich für die Einladung und möchte sofort zur Sache kommen. Sie wissen, ich habe mich als Psychologin schon seit Jahren mit der Thematik auseinandergesetzt, wie das Charisma der Führungspersönlichkeit zu verbessern wäre.
Es gibt ja nun zahlreiche Trainingsmethoden, über die wir hier nicht mehr zu diskutieren brauchen, sie sind hinlänglich bekannt. Obwohl durchaus als brauchbar erwiesen, kam ich zu dem Ergebnis, es fehle diesen Trainings - wenn ich das einmal so salopp formulieren darf - der letzte Pfiff, die Krönung sozusagen.
Nun, ich habe, was gewiß so neu nicht ist, festgestellt, daß Charisma nicht nur durch eine innere, sondern natürlich auch durch eine äußere Ausstrahlung entsteht bzw. hergestellt werden kann. Ich habe das Äußere von zahlreichen Wirtschaftsführern studiert und mich mit ihnen darüber unterhalten. Ich bin - Details hierzu entnehmen Sie bitte meiner Broschüre -, ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß es nicht ausreicht, seine Mitte zu finden, wie man uns oftmals einzureden und beizubringen versucht, daß es nicht ausreicht, allein innere Qualitäten zu entwickeln, in der Hoffnung, diese würden dann auch positiv nach außen abstrahlen, nein, wir müssen schon auch außen etwas verändern, und damit meine ich natürlich nicht nur das Outfit, obwohl auch dieses eine Rolle spielt. Ich verweise Sie in diesem Zusammenhang auf meine Untersuchung zur Psychologie der Farben, Seite 38 meiner Broschüre, doch das nur nebenbei. Viel wesentlicher für das, ich möchte einmal sagen Design eines Charismas, ist das Gesicht, nicht wahr, das Gesicht, das ich Ihnen verpassen kann, Sie werden von mir, beziehungsweise meinem Team ein Gesicht zugeschnitten bekommen, dessen charismatischer Ausstrahlung sich niemand mehr wird entziehen können

Zengeler: Der Sturz durch den Spiegel.

Josef W. Janker (1922-2010)

April 29th, 2010 by Hans Zengeler

Es bleibt nachzutragen: Am 17. April verstarb der Schriftsteller Josef W. Janker, im Alter von 87 Jahren. Ein leider schon zu Lebzeiten fast vergessener Autor, der immerhin in einem Atemzug mit Martin Walser & Co zu nennen wäre, bedeutend genug, um von Hans-Werner Richter zweimal zu Lesungen der legendären Gruppe 47 geladen zu werden.

Seine ersten Bücher erschienen noch im Suhrkamp Verlag, gegen Ende der 80er Jahre legte der Gessler Verlag eine vierbändige Werkausgabe auf, die vielleicht und hoffentlich jetzt wieder einmal Aufmerksamkeit erfährt. Verdient hätte es dieser bedeutende Autor allemal.

1999 wurde Josef W. Janker der Hermann-Lenz-Preis zugesprochen. Die Laudatio hielt übrigens kein geringerer als Peter Handke.

Gregors Geständnis

April 19th, 2010 by Hans Zengeler

Wissen Sie, begann Gregor, was ich jetzt sage, habe ich noch niemandem gesagt, daher fällt es mir nicht gerade leicht. Vielleicht halten Sie mich für einen Idioten, wenn ich, der ich doch ein selbstsicherer Manager sein soll, wenn ich bekenne, eigentlich gar keine Ahnung von meinem Beruf zu haben. Für meine Fähigkeiten bin ich viel zu weit oben nach oben gestolpert, ich passe da nicht hin, meine Beförderungen beruhen auf Mißverständnissen und Fehlinterpretationen. Ich weiß auch nicht, warum und wie dieser Aufstieg geklappt hat, ich weiß nur, daß alles Schwindel gewesen ist, ja genau, von Anfang an ist es Schwindel gewesen, Täuschung, ein so Tun als ob, die Sprüche, die einen als Kenner der Materie auszeichnen, hat man ja gleich drauf. Ich bin ja nicht einmal von selbst auf die Idee gekommen, daß ich für so einen Beruf taugen könnte. Es war nie mein Wunsch, ein Verkäufer oder gar ein Marketing-Stratege zu werden. Vor langer Zeit habe ich es mal geschafft, einem Ladenbesitzer mitten im Hochsommer, Temperaturen über 35 Grad, einen gebrauchten Heizlüfter zu verkaufen, das fanden andere genial. Sie jubelten mich zum genialen Verkäufer hoch und rieten mir, diese Begabung unbedingt zu professionalisieren. Ich fiel auf das Lob herein, brach das Studium ab und begann wenig später im Konzern eine Lehre, ganz unten. Aber damals, wissen Sie, das war eine Notlage, ich hatte kein Geld und mußte etwas verkaufen, da wuchs ich über mich hinaus. Ich hätte den Heizlüfter bestimmt nicht an den Mann gebracht, wäre es nicht notwendig gewesen für mich. Nun, nach beendeter Lehrzeit, war ich sozusagen ein Verkäufer ohne Notwendigkeit geworden, und um des Erfolges willen blieb mir schließlich nichts anderes, als dafür zu sorgen, daß Notwendigkeiten entstehen, innere Notlagen besser gesagt. Sie durften nie aufhören, diese Notlagen, weil ich ja nur mit dem Rücken zur Wand stehend Leistung erbringen kann. Ich bin also auf Krisen angewiesen, Marlene, und wo keine sind, muß ich sie schaffen. Das hat sich im Laufe der Zeit verselbständigt, es hat sich ein Automatismus in mein Verhalten geschlichen, der Krisen auslöst. Manchmal glaube ich, nur deswegen geheiratet zu haben, um mir ein Reservoir für Krisen zu schaffen. Nirgends läßt sich ja leichter eine Krise heraufbeschwören als in der Ehe. Befinde ich mich dann in der Krise, muß ich arbeiten, um nicht zur Besinnung zu kommen. Die innere Notlage ist da. Ich fliehe in die Arbeit. Die Arbeit beschützt mich. Ich kann Arbeit vorschützen, um nicht darüber reden zu müssen, was ich angerichtet, was ich beispielsweise meiner Frau angetan habe. Arbeit wird dann auch Betäubung, sie anästhesiert mich. Ich sage mir, jetzt darfst du um Gottes willen nicht zur Besinnung kommen, sonst scheiterst du, sonst wird dir, genauer gesagt, die Ursache deines Scheiterns bewußt, also arbeite und tu so, als heulest du mit den Wölfen, als seist du der richtige Mann am richtigen Platz, sonst gehst du unter mit Pauken und Trompeten.

Ich habe das bis heute einigermaßen ausgehalten - nein, das ist gelogen, ich habe nur so getan, als halte ich es aus, vor mir und anderen so getan, verstehen Sie, aber nun stelle ich fest, daß ich immer weniger aushalten kann, am wenigsten, daß mir niemand die Wahrheit sagt. Ich möchte enttarnt werden, Marlene, das könnte mich retten. Zwar fürchte ich das wie sonst nichts auf der Welt, aber wenn man mich enttarnte, wenn mir einer die Wahrheit sagte, dann hätte ich wenigstens die Gewißheit, daß meine dauernden Zweifel berechtigt sind. Das ist mein Problem, der Zweifel. Ich bin ein buchstäblich ver-zweifelter Mensch, so sehr, daß ich sogar den Zweifel bezweifle. Ich weiß selbst in diesem Augenblick nicht, ob auch wirklich stimmt, was ich sage, obwohl ich mir aufrichtig vorkomme. Es könnte doch sein, daß ich mich abermals täusche, verstehen Sie das?

(Zengeler: Sturz durch den Spiegel/ Hirnrisse)

Der Untote V

April 10th, 2010 by Hans Zengeler

dreamend1Untote sind per se Philosophen. Folglich bin ich auch einer. Ich sage: Kindheit und Jugend hat man zwangsläufig, sofern man nicht vorher stirbt. Der Gedanke daran ermüdet mich. Da wacht sofort der Schlaf in mir auf. Sie rühren mich, mein Herr. Daher will ich Ihnen, ehe ich niedersinke, schnell noch eine Geschichte erzählen:
Ein Zwölfjähriger wollte sich umbringen. Aufhängen wollte er sich, genauer gesagt. Aber das klappte nicht. Er musste sich bloß übergeben. Also stieg er zum Fenster seiner Mansarde hinaus auf das Dach. Wollte zum Sprung ansetzen, da kam seine Mutter herein, die mit einem Aufschrei nach ihm griff. Sie erwischte ihn am linken Arm. Dann ohrfeigte sie ihn. Dann brüllte sie ihn an. Dann streichelte und herzte sie ihn. Dann schalt sie ihn einen Psychopathen. In seinen Ohren klang das gefährlich. Später fragte er sich, warum seiner Mutter nichts Besseres eingefallen sei, als ihn zu retten. Man hielt diesen missglückten Suizid im übrigen für eine seltene Art von Somnambulismus. So jedenfalls wurde es der Öffentlichkeit nahegebracht. Er schlafwandelt am helllichten Tag! hieß es. Seltsamerweise begann nun eine Phase des Glücks für den Zwölfjährigen. Was immer er tat, es wurde falsch interpretiert. Es wurde beschönigt oder verharmlost, oder man sagte, er sei von einer rätselhaften Krankheit befallen. Er wurde nicht ernst genommen, daher konnte er tun, was er wollte, er war frei.

(Zengeler: Hirnrisse/ zutode erzählt)

Der Untote IV

April 2nd, 2010 by Hans Zengeler

Glauben Sie nur nicht, ich ließe mich auf Sie ein. Meine Rederei entspringt keinem Mitteilungsbedürfnis. Ich anerkenne einfach Ihre Sturheit, auch wenn diese erpresserischen Charakter hat, eine Grobheit ist, schlicht gesagt.
Glauben Sie etwa, es sei ein Vergnügen, stundenlang in ein Gesicht zu schauen, aus dem Anteilnahme oder Interesse den passenden Ausdruck zu finden versuchen?
Sie sind wie ein Schatten, der regelmäßig in mein Zimmer und somit auch auf mich fällt.
Sie tun mir leid.
Sie sind eine erbarmungswürdige Kreatur. Deshalb erzähle ich Ihnen heute mal eine Geschichte:

Ich war auf der Welt, das heißt, in irgendeiner Wirklichkeit vorhanden, um mal in der Sprache der Lebendigen zu reden. Es gab sogar Menschen um mich herum, die meinten, sie müssten etwas tun zu meinem Wohlergehen, zu meiner Erleuchtung, besser gesagt. Letztere war in jener Zeit groß in Mode. Von allen bekam ich zu hören, ich solle doch positiv denken. Man mag bis zur Oberkante Unterlippe in der Scheiße stecken, die sagten einem, das solle man doch um Gottes willen positiv betrachten. Es war also das Positivzeitalter. Die Menschheit verblödet und zerfleischt sich in Kriegen, aber positiv sein. Nun hörte ich von einem, der sich diese Lebenshaltung mit Macht anzueignen wünschte. Jener war schon lange vergeblich auf der Suche nach dem Positiven. Im Negativen dagegen kannte er sich fabelhaft aus. Er war nämlich ein Depressionsfanatiker. Eines Tages fuhr er nun über die Autobahn mit einem von seinem Negativdenken schon ganz zermürbten Schädel, mit einer vom Sandpapier seines Brütens blutig geschmirgelten Seele, die Blut weine, wie er sagte. Da plötzlich überkam ihn die Erleuchtung. Er begann laut zu brüllen. Sei positiv, du Dreckskerl, brüllte er, brüllte das so laut und so voller Inbrunst, dass er sich daran verschluckte. Er begann zu husten, zu würgen, zu schleimen. Die Windschutzscheibe seines Wagens beschlug. Er sah nichts mehr. Mit einhundertachtzig Stundenkilometern raste er, positiv denkend, gegen einen Brückenpfeiler. Und kam, o Wunder, mit dem Leben davon. Er sitzt im Rollstuhl, kann keinen Finger mehr rühren, sieht aber alles positiv.
Das Schicksal verträgt keine draufgesetzte Ironie.
Es will selber unumschränkter Herrscher sein der Ironie.
Aber nun habe ich Ihnen genug erzählt.

(Zengeler: Hirnrisse, zutode erzählt)

Rettung in Sicht?

März 30th, 2010 by Hans Zengeler

Zwei Jahre verschwand ich in der Versenkung, war fallengelassen worden, nur hin und wieder streifte mich ein Gedanke von ihm, der feststellen sollte, ob ich gefügiger geworden sei. War das nicht der Fall, zog er wieder ab. Mit mir die Namenlosen, die Unvollendeten, die alle vergeblich auf den Fortgang ihres Lebens warteten; was hier unten war, interessierte ihn nicht. Hätte ich mir nicht rechtzeitig einen eigenen Willen erobert, wäre es mir ebenso ergangen wie ihnen: ihm ausgeliefert und von ihm abhängig auf Gedeih und Verderb. So aber konnte ich wenigstens meine Streifzüge machen, Erfahrungen sammeln, Wissen anhäufen, das Bewußtsein erweitern.

Es war ein wunderschöner Tag im August dieses Jahres, als er - eher aus Langeweile als aus Interesse - den Kontakt mit mir wieder aufnahm. Die Sonne brannte von einem wolkenlos blauen Himmel herab und kein Mensch, so er nicht mußte, hielt sich in überhitzten, schweißtreibenden Räumen auf, sondern suchte im Freien ein schattiges Plätzchen oder ging schwimmen, das hätte er auch tun sollen, rausgehen, notwendig wäre es im wahrsten Sinne des Worts, aber nein, das schöne Wetter, das Draußen kümmert ihn nicht, er hat keine Zeit für die Freizeit, Urlaub ist ihm ein unbekannter Begriff, das bekam auch die Frau, die immer noch mit ihm lebte, zu spüren. Sie bat ihn, mit ihr für ein paar Tage zu verreisen, aber nichts da, allein soll sie fahren, er kann hier unmöglich weg, er muß Welten erschaffen, muß an seinem Denktisch qualmen, bis man die Hand nicht mehr vor den Augen sieht, muß uns die Umwelt vergiften, Gedankentäler vernebeln, Wortstraßen teeren, daß man drauf kleben bleibt, Zitatflaggen hissen: In meiner Brust koch ich den Teer, schick ihn durch die Äste.

Plötzlich, von Krankheitsbildern gepeinigt, soll Gregor Sport treiben, Jogging, Tennis gegen die Ballmaschine, Aufschlag, Volley-Return und so weiter, er schwitzt, er hustet den Schleim ab, wie eitergelber Rotz sah er aus Komma Gedankenstrich: löschen.

Gregor träumte von einer engen, bedrückenden Schlucht. Links und rechts ragten glatte, schwarze Felswände hoch, die sich, so sein Eindruck, langsam zusammenschoben. Wenn er sich nicht beeilte, der Schlucht zu entkommen, würde er zwischen diesen Wänden zerquetscht. Sie zwangen ihm den einzig möglichen Weg auf: nach vorne, zum Meer. Er aber fürchtete doch das Wasser, vor allem die Tiefe. Er fürchtete sie, weil er nicht sehen konnte, was sich dort unten tat. Hoffentlich trieben ihn diese Felswände nicht in das Meer. Da müßte er sich andauernd vorstellen, daß gleich etwas nach ihm schnappte und ihn hinabzerrte ins Tiefe. Er würde einen Herzschlag bekommen vor Angst. Bloß nicht ins Meer! Er fühlte sich geschoben, konnte nichts aufhalten. Schon wurden seine nackten Füße von den auslaufenden Wellen des Meeres bis zu den Knöcheln umspült und wollten ihn hineinziehen. Er sträubte sich. Der Sog ließ plötzlich nach, hörte dann ganz auf. Gregor sah einen weißen, sandigen Strand, an dem er entlanggehen konnte. Er mußte nicht in das Meer. Er war noch einmal davongekommen. Aber dann konnte er gehen so lange er wollte, er kam immer wieder am selben Ort an, was hieß, daß er im Kreis gelaufen sein mußte. Und überall war das Meer. Also hatte es ihn auf eine Insel verschlagen. Also erkannte er: um sich zu retten, müßte er über das Meer…

(Zengeler: Sturz durch den Spiegel)