Die Geschichte von einem Geschenk, das den Beschenkten dazu aufforderte, eine Geschichte zu schreiben

13. August 2011 Hans Zengeler

für die “furchtbaren Drei”

Wow! was für ein langer Titel, werdet ihr sagen, na, da sind wir mal gespannt, was das für eine Geschichte von einem Geschenk sein soll, das den Beschenkten dazu aufforderte, eine Geschichte zu schreiben.
Ich sage euch: Ich habe (bis jetzt) noch nicht die geringste Ahnung!

Es war so: Ich hatte Geburtstag …
Na toll! ruft ihr, Wahnsinn, echt, du hattest Geburtstag, wie spannend!
Jeder hat mal Geburtstag, meint der supergescheite Sascha, die Clara hatte im Juli, der Lukas ist im September dran, ich im November, also brauchst du dir nichts drauf einzubilden, daß du Geburtstag hattest.
Ich seufze.
Ich denke: Es wird nicht einfach sein, die von mir so genannten „Furchtbaren Drei“ zufriedenzustellen, weil ich ja eigentlich keine Ahnung habe, was in deren Köpfen sich so abspielt.

Ich fang’ noch mal an, sage ich.
Clara meint: Das wollte ich dir gerade vorschlagen.
Lukas gähnt so laut, daß ich fast vom Stuhl falle.
Sascha schlägt mir ins Kreuz und lacht: Auf geht’s, alter Mann!
Darf ich rauchen? wage ich zu fragen.
Die „Furchtbaren Drei“ sehen mich an, daß mir gleich jede Rauchlust vergeht.

Also, setze ich wieder an, ich hatte Geburtstag und bekam außer einer Hose und einem Bild auch noch folgenden Satz geschenkt:


So ist es, nickt Clara, von der dieser Satz offenbar stammt. Und ich will jetzt von dir wissen, was mit der alten Frau ist, was macht die, was treibt die, ist sie vielleicht eine Hexe oder was?
Ja, woher soll ich das denn wissen? frage ich zurück.
Na, weil du doch Schiffsteller bist, schlägt mir Sascha wieder aufmunternd ins Kreuz.
Schriftsteller heißt das, verbessert Lukas und schiebt sich einen Müsliriegel in den Mund, beißt krachend drauf, grinst, sagt: Kraftnahrung. Man weiß ja nicht, wie lange das noch dauert, bis du endlich mit der Geschichte anfängst.

Es war einmal eine alte Frau (beginne ich also). Sie wohnte in einem kleinen Haus. Sie war allein. Das heißt (was die Clara nicht wissen kann): so allein ist die alte Frau nun auch wieder nicht, weil: sie hat einen Vogel. Und zwar einen Beo. Der kann nicht nur sprechen, sondern die Stimme von der alten Frau, die übrigens Lukretia heißt, so perfekt nachmachen, daß man meint, sie spreche selbst. Der Beo heißt Kurt. So hat auch der Mann von Lukretia geheißen, der vor vielen Jahren gestorben ist.
Sie hat es nicht immer leicht mit Kurt, dem Beo. Vor allem deshalb nicht, weil Kurt am liebsten jedem, der an der Tür klingelt, zuruft: Was willst du Idiot! Und weil er doch die Stimme von Lukretia perfekt nachmachen kann, denken alle, sie habe das gerufen. Erst vor wenigen Wochen hat Kurt dem Mann, der den Stromzähler ablesen wollte, zugerufen: Was willst du Idiot! Hau ab! Woraufhin der Mann zu Lukretia gesagt hat: Hören Sie mal, gute Frau, in dem Ton reden Sie aber nicht mit mir!
Es war nicht einfach, dem Mann zu erklären, daß nicht sie, sondern der Beo Kurt das gesagt hat.
Der Mann meinte: Wie der Herr so das Gescherr, was etwa so viel bedeutet wie: Sie, Lukretia, wird das dem Vogel wohl beigebracht haben.
Womit der Mann gar nicht so unrecht gehabt hat. Denn Lukretia lebt ja bekanntlich allein in dem Haus und hat außer Kurt niemanden, mit dem sie reden kann, also spricht sie halt den ganzen Tag mit ihm, erzählt dies und das, und da wird er diese Worte mal aufgeschnappt haben, sie weiß das gar nicht mehr so genau. Sie weiß aber noch sehr genau, daß sie mal zu Kurt gesagt hat: Du spinnst wohl ein bißchen; und zwar, weil dieser mal während des Mittagessens in ihren Teller gehüpft ist und Spaghettis geklaut hat.
Seitdem sagt Kurt des öfteren zu ihr (und zwar neuerdings mit der Stimme des Stromablesers, die er sich sehr gut gemerkt hat): Lukretia, du spinnst wohl ein bißchen.
Sie muß dann lachen, die alte Frau, weil man tatsächlich denken könnte, sie spinne ein bißchen, weil sie den ganzen Tag mit einem Vogel redet.

Ihr seht also, die alte Frau lebt zwar allein, aber einsam ist sie nicht, denn sie hat immerhin Kurt, der für Abwechslung sorgt. Ohne Kurt wäre es schon ein bißchen einsamer, sie kann sich ihr Leben ohne Kurt gar nicht mehr vorstellen.
Besuch bekommt sie selten. Sehr selten. Wenn sie es recht bedenkt, ist eigentlich seit einem Jahr niemand mehr zu ihr gekommen. Obwohl sie einen Sohn hat, den Erwin. Der ruft drei-, viermal im Jahr an, aber er kommt nicht. Weil er, wie er sagt, immer so schrecklich viel zu tun hat. Und dauernd unterwegs ist, in der ganzen Welt. Und auch, weil er so weit weg wohnt. In Berlin nämlich, und das sind fast tausend Kilometer bis hierher. Vor fünf Jahren ist er weggezogen und hat gemeint, es sei eigentlich besser für sie, seine Mutter, wenn sie das Haus verkaufe und in ein Altersheim ziehe, da werde bestens für sie gesorgt.
Sie hat gesagt: Erwin, du spinnst ein bißchen.
Ich meine es nur gut, hat Erwin gemeint.
Lukretia ist richtig böse gewesen, weil ihr Sohn geglaubt hat, sie ins Altersheim abschieben zu können; am liebsten hätte sie zu ihm gesagt: Erwin, ich glaube, du hast den A…. offen, aber das sagt natürlich eine alte, gut erzogene Frau nicht.
Aber gedacht hat sie es schon, daß ihr Sohn den A…. offen hat.
Und denken, findet sie, darf man das schon.
Sie weiß, der Erwin hat sie nur deswegen in ein Heim geben wollen, damit er sich nicht um sie kümmern muß.
Sie seufzt. Und sagt zu Kurt: So ist das eben mit den Söh-nen, man zieht sie groß, sie werden erwachsen, sie leben ihr eigenes Leben, in dem ihre alte Mutter keinen Platz mehr hat, sie fangen an, einen zu behandeln, als wäre man selbst jetzt das Kind, sie wissen alles besser, bloß, weil sie sich mit diesem modernen Zeugs wie Pommputer besser auskennen. Sie weiß natürlich, daß es Computer heißt, aber das Wort scheint Kurt nicht zu mögen, er hat von Anfang an Pommputer daraus gemacht, und dabei ist es geblieben.
Kurt hockt auf der Stange und nickt zu jedem einzelnen ihrer Worte. Genau, nickt Kurt, genau so isses, der Idiot, Erwin ist ein Idiot, ein Pommputeridiot!
Aber Kurt, rügt Lukretia, das darfst du nicht sagen, der Erwin ist kein Idiot, sondern Pommputerspezialist.
Idiot, Idiot, Idiot, kreischt Kurt unbeeindruckt, daß Lukretia ihm den Schnabel zuhält, was Kurt überhaupt nicht gefällt, wie wild schlägt er mit den Flügeln. Lukretia lockert et-was ihren festen Griff, doch da brüllt Kurt gleich weiter: Idiot! Idiot! Idiot!
Lukretia gibt auf und sagt: Selber Idiot.
Ja, lacht Kurt, selber Idiot.
Lukretia denkt: Er kann wirklich ein ziemlicher Idiot sein, der Kurt, denn wer sagt schon lachend von sich selber, er sei ein Idiot.

So geht das nun, tagein, tagaus. Lukretia hat ihren Vogel, mit dem sie sich unterhalten kann. Sie ist Gott sei Dank noch gut zu Fuß, kann ihre Einkäufe selber erledigen, kann kochen, kann putzen, kann sehr gut für sich selber sorgen. Abends setzt sie sich vor den Fernseher und sieht sich Berichte aus der Welt an, damit sie immer gut informiert ist, auch wenn sie findet, daß man diese Welt eigentlich gar nicht mehr verstehen kann. Immer findet irgendwo ein Krieg statt, anderswo verhungern die Kinder, die Politiker treten mit wichtigen Gesichtern auf und reden viel, ohne etwas zu sagen, es ändert sich nichts. Manchmal kann Lukretia das nicht mehr sehen, dann schaltet sie den Fernseher aus, das Radio an, hört Musik und singt mit Kurt. Der singt allerdings immer so falsch, daß sie Mühe hat, die richtigen Töne zu treffen, aber sie kann und will ihm schließlich das Singen nicht verbieten. In solchen Momenten, wenn sie einträchtig mit Kurt im Wohnzimmer sitzt und singt, denkt sie, daß Tiere manchmal doch die besseren Menschen sind …

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Der Untote VII

28. Juli 2011 Hans Zengeler

Es ist eine Lust, Sie zu quälen, ebenso wie Sie es als Lust empfinden, gequält zu werden. Wehe Ihnen, wenn ich aus meinem Untotsein heraussteige und definiert bin, das wird ein maßloser Schrecken, das blanke Entsetzen. Ich fürchte, Sie lassen mich jetzt schon nicht mehr sagen, was ich sage, wenn ich was sage. Sie modellieren gewiss mit Ihren schamlosen, kunstverseuchten Fingern an meinen Worten herum, ich sehe, Sie sehen nur Dummheit und diese fürchten Sie, weil sie ein Dummheitstrauma haben, darin steckt Ihre Blöße. Tatsächlich aber strotzt diese Welt vor Dummheit, also bin ich, wenn Sie meine Sätze nur unzensiert lassen, nichts weiter als eine wortgetreue Abbildung der Welt. Das können Sie nicht zulassen, Sie wollen Ihre Welt entwerfen. Ihr Literaten wollt maßlos klug sein, ihr bescheißt die Welt buchstäblich mit eurer blöden Klugheit, ihr widert mich an.

Eine Frau, meine Frau, eine Clara, Sie werfen mir Stichworte, Aussagen hin und hoffen auf meine Enttarnung. Es kann, so sage ich, als halbwegs gesichert gelten, daß der, von dem ich rede, verheiratet war, weil der, von dem ich rede, stets mit der Zeit gehen wollte und nach Revolution und Rausch und Literatur kam schließlich die sogenannte Tendenzwende, die private Karriere, die Reise nach innen oder nach Poona, nicht wahr, da kam jenem der Mantel des Ehemanns gerade recht. Für eine einmalige Honorarsonderzahlung, deren Höhe ich später bestimmen werde, erzähle ich Ihnen diese Geschichte, die auch keine ist.
Die Ehe macht Erzähler aus uns allen, hat einer gesagt; und zwar so, als wüßte er das ganz bestimmt, während ich ebenso bestimmt behaupte, das Gegenteil ist der Fall: Die Ehe schlägt der Sprache den Kopf ab, und das Ergebnis sind die verstümmelten Sätze, die sich die beiden alltäglich vor die Füße werfen (weil sie ja keine Köpfe mehr haben), wie Abfall vom Tisch der Hauptnahrung, bis nach zehn, zwanzig Jahren endgültig Sprachlosigkeit herrscht. Der, von dem ich rede, heiratete nicht sofort, sondern bekam zuvor noch das Angebot, ein Verbrecher zu  werden, ein Dieb, ein Fälscher, ein Betrüger. Es war die kürzeste Identität, die er je hatte. Sie dauerte einen Abend lang. Er saß am Tisch mit Ganoven und hörte sich deren Geschichten an und dichtete eigene hinzu, um als Zuhörer wenigstens geduldet zu sein. Am oberen Tischende thronte ein jüngerer Mann mit Sonnenbrille, den nannten sie Mafia. Niemand hat je seine Augen gesehen. Er hatte sich von der Polizei bei einem Fluchtversuch zum Krüppel schießen lassen, um endlich ein materiell sorgenfreies Leben führen zu können, als Frührentner. Was Ganoven so reden, muß ich Ihnen, der Sie ja selber einer sind, nicht erzählen. Ich könnte es, aber ich habe keine Lust. Der, von dem ich rede, hockte am Tisch und stellte sich vor: Einen Banküberfall. Das gelang nicht so recht. Nach zwei Stunden war er sturzbesoffen. Der griechische Schnaps. Ich könnte nun sagen: Sechs Wochen später war er verheiratet, saß in einer Vierzimmerwohnung als Ehemann, schlug die Zeit tot, sagte zu seiner Frau, Ich liebe dich, ging hin und wieder mit ihr aus, in Gesellschaft sagte er: Ich bin der Mann von der Frau Sowieso und meinte, hierdurch hinreichend definiert zu sein. Sein Name stand nun in einem Familienstammbuch, da konnte er nachlesen, daß er eine Familie war, sogar eine, die seinen Namen trug. Auch die Briefe waren an ihn als an eine Familie seines Namens adressiert. All das könnte ich sagen, ausspinnen, an Sie hingähnen. Sie wollen natürlich mehr, Sie wünschen Details, Psychologie, Dramaturgie, Sie wollen aus meiner Langeweile eine Kunst machen, alles wollen Sie mir entreißen, jeden noch so winzigen Seelenfetzen, damit Sie sagen können: Seht her, ich habe einen Menschen aufgedeckt, er hat ein Gesicht, hat ein Leben bekommen durch mich, ich habe bewiesen, daß jeder etwas zu erzählen hat. Der, von dem ich erzähle, könnte ich sagen, war ein Haustier. Seine Frau malochte. Er drapierte ihre Kleider im Sessel und redete mit diesen Hüllen. Er baute sich eine künstliche Welt. Er lebte ein Theaterstück. Auf der linken Seite ein Rednerpult, dahinter ein Wissenschaftler, der begeistert seine Diagnosen ins Publikum warf. Auch wenn die Frau schlief, redete das Haustier. Aber niemals, wenn sie wach war. Später erwürgte er sie und kam in die Irrenanstalt. Dort spielte er Tag um Tag sein Haustierleben weiter. Er mußte seine Frau immer wieder erwürgen. Man gab ihm eine lebensgroße Puppe. Man war freundlich zu ihm. Hubert, sagten die Pfleger, hast du heute schon deine Frau erwürgt? Worauf Hubert die Puppe schnappte und würgte und schüttelte, bis das Sägemehlblut aus ihr rieselte, und eine soziale Institution schenkte Hubert zehn Puppen jährlich. So irrte er eben vor sich hin. Man ist eben, was man im Kopf hat. Und Sie, mein Herr, sind ein Hohlkopf, adieu!

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Vater unser, unser Staat, Vater, der du beschneidest die Flügel …” – Betrachtungen zu Immo Sennewalds Roman Babels Berg”

11. Februar 2011 Hans Zengeler

Wir schreiben das Jahr 1969. Apollo 11 landet auf dem Mond. Der Protagonist des Romans Babels Berg” Gustav Horbel befindet sich in einem Studentenwohnheim der Hauptstadt der DDR und bereitet seine legendären Schmalzbrote zu. Es wird Doppelkopf mit den Kommilitonen gespielt. Ungefähr zur selben Zeit saß ich im sogenannten Interzonenzug”, der mich nach Berlin (West) bringen sollte. Der Zug war gut besetzt, mit älteren Reisenden hauptsächlich, die auf Westbesuch gewesen waren. In einem Ort namens Probstzella verließen gut drei Viertel der Reisenden den Zug, schweigend und ohne einen Blick zurückzuwerfen, und ich war von einem ebenso rätselhaften wie niederschmetternden Gefühl durchdrungen, versagt zu haben.
Danach wurden die Türen des Zuges verriegelt, kein Halt mehr bis West-Berlin. Die Bundesbürger hockten eingesperrt in ihrer Freiheit herum und wurden durch die DDR regelrecht hindurchgeschossen. Auffällig, dass der Zug immer dann an Fahrt aufnahm, wenn er durch Bahnhöfe fuhr, gerade so, als sollte den Westbürgern jeder noch so kurze Blick auf an Bahnsteigen wartende Ostbürger verunmöglicht werden – ein absurder Vorgang.

Was hat das nun mit dem Roman von Immo Sennewald zu tun?

Nun, ich wurde beim Hineinlesen daran erinnert. Und dann, mit fortschreitender Lektüre, wurde klar, dass der Autor den Zug angehalten hatte, um dem Westbürger einen langen Blick mitten in den fremden Staat hinein zu ermöglichen, in das Alltagsleben derer, die man – staatlich verordnet – unsere “Brüder und Schwestern im Osten” nannte, lesend zwar nur, aber so dicht und so nah beschrieben, dass ich Gustav Horbels Schmalzbrote auf der Zunge zu schmecken glaubte.

Es ist, das sei vorweggenommen, ein grandioser Roman, geschrieben mit einer Fabulierfreude, die ihresgleichen sucht, wortreich und wortgewaltig, erinnernd an große Entwicklungs- und Schelmenromane – eine selten gewordene Tradition, die Sennewald wieder zum Aufblühen bringt.

Ist dies ein DDR-Roman? Eine Frage, die der Autor gewiss oft gestellt bekommt. Und wenn man sie bejahen würde, dächte man sofort an Vergleichbares (etwa Tellkamp & Co), dächte an Staatssicherheit, Überwachung, Bespitzelung usw., aber so direkt kommt Sennewald nicht daher. Weitaus hinter- und tiefgründiger entblättert und entlarvt er diesen Staat anhand des dargestellten Personals, anhand auch von wunderbaren Metaphern, wobei eine gleich zu Beginn besonders ins Auge sticht: Die drehenden Teller und rollenden Münzen, die man als Abbild eines Systems verstehen kann, das sich nur um sich selber dreht (und ausgerechnet von einer Russischlehrerin in eine aberwitzig langdauernde Rotation versetzt). Immer schneller und immer lauter drehen die Teller, um am Ende, “Dschong-dschong-dschong-ong-ong-gengengeng” abrupt liegenzubleiben. Welchen Rang diese Metapher einnimmt, lässt sich alleine daran erkennen, dass den Tellerdrehern, die die Nachtruhe (sic!) stören, der Rauswurf aus dem Studentenheim droht, gar die Exmatrikulation.

Es ist ein komplexer Roman, dem man unmöglich mit nur wenigen Worten gerecht werden kann.
Sennewald stellt nicht nur dar, er entblößt ein ganzes System, das alles planbar machen möchte, vom Wetter bis hin zu den Goldmedaillen, die im Jahr der olympischen Spiele in München 1972 den Klassenfeind demütigen sollen. Es werden uns Sportfunktionäre und Wissenschaftler vorgeführt, die verbissen am Rekord aller Rekorde herumtüfteln, schließlich eine Diskusscheibe präsentieren, die, von nämlicher Russischlehrerin geworfen, gar bis in den Westteil Berlins segelt, dort am Kopf eines Theaterkritikers landet, der gerade mit einem Strichjungen zugange ist. Was für eine Satire, was für eine weitere großartige Metapher, die Sennewald überdies dazu benutzt, um erzählend die Geschichte in den Westen zu treiben, denn natürlich muss dort nun untersucht werden, welche Botschaft in der Scheibe verborgen sein könnte.

Viel Personal, viele Geschichten. Und im Zentrum eben Gustav Horbel, der Physikstudent aus der Provinz, der in Ostberlin den Westen als unerreichbar nah empfindet und in seiner Heimatstadt, von der aus er bis in die Rhön sehen kann, als unerreichbar fern. Gustav lebt und liebt und lernt im Leben und Lieben mehr als in den Hörsälen, er leistet sich das Vergnügen, so ein eigenes Leben zu führen, wo seine Kommilitonen sich ausliefern oder ausgeliefert werden an das System, es scheint, als habe sich Gustav Horbel auf die Fahnen geschrieben, ein Vergnügen nie auf morgen zu verschieben, wenn man es heute schon haben kann. Er ist, in einem übertragenen Sinn der “abenteuerliche Simplicissimus” des 20. Jahrhunderts, Version Ost.

Womit ich als Leser wieder am Anfang wäre: der Zug, den Immo Sennewald angehalten und die Weichen anders gestellt hat, in das Land hinein und eben nicht hindurch. Und wenn dies ein DDR-Roman ist, der in/ von/ und über sie handelt, dann ist es einer, der Vereinigung möglich macht, ja, man könnte sagen, es ist ein Vereinigungsroman, ein grenzüberschreitender oder die noch vorhandenen Grenzen überwindender Roman, besser gesagt, indem der Leser mit reiner Westbiografie diese nun vergleichend und begreifend an die Geschichte Gustav Horbels anlehnen kann. Mithin also ein Roman über “Das Leben der Anderen”, wie er bis dato noch nicht geschrieben worden ist. Und daher jedem zur Lektüre ans Herz gelegt sei. Unbedingt!

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Der Einsamkeitsgeher (Aus: “Einbrüche” – Bekenntnisse eines ledigen Herrn)

8. Januar 2011 Hans Zengeler

W. kroch gepanzert aus seiner Höhle, und das war auch notwendig, denn ein Gang ins Zentrum der Stadt war nicht ungefährlich. Es war der Weg zu den Ungeheuern. Mitten hinein. Dort ist das Chaos, dort läuft alles kreuz und quer durcheinander, es herrscht ein entsetzlicher Lärm, ist ein einziges Schnattern, Rufen, Brüllen, Heulen, Bel­len, Rotzen, Schniefen, Husten, Pfeifen, dazu das Ge­stoße, Gedränge, Geschiebe, und manche Autos pfeifen mit einer Geschwindigkeit an einem vor­bei, daß man sich geohrfeigt fühlt. Jedesmal. Es pfeift hochtönig heran, die Luft vibriert, entlädt sich als schallende Ohrfeige. Und ihn, der gepanzert, mit abgebro­chenem Blick stur seinen geraden Weg zu gehen versucht, ihn gafft man an, er merkt es wohl hinter seiner ima­ginären Schutzbrille, man starrt ihn an, blöde, idio­tisch, wahrscheinlich, weil er sichtbar nicht der Mode entspricht, weil er häßlich ist, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Ungeheuer über ihn herfallen, bitte, das Amt will ja schon in seine Höhle eindringen, nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihn auffressen, diese Kannibalen, die sich an allen Ecken prügeln, die Nasen einschlagen, beklauen, beschimpfen, beleidigen, sich Recht und Raum mit Händen und Füßen verschaffen, wie dieser Sportwagenfahrer jetzt, der sein Fahrzeug mitten auf der Hauptverkehrsstraße abstellt, ihm entsteigt und einen Fußgänger mit Krückstock malträtiert, der seiner Meinung nach ausgesondert gehört, auf den Müll, nicht aber in die Stadt, und das nur, weil er, der Fußgänger, es nicht geschafft hat, innerhalb der kurzen Grünphase über den Zebrastreifen zu kommen und den sportlichen Fah­rer über Gebühr, wenigstens zwei Sekunden, am Anfahren gehindert hat, er hätte ihm am liebsten über den Haufen gefahren, das hat man sehen können, und man merkt ihm auch an, daß es ihm nicht genügt, den Krüppel nur in den Hintern zu treten, nein, er muß ihn auch noch mit den un­flätigsten Schimpfwörtern beleidigen. Das aber reicht im­mer noch nicht, jetzt ist die gaffende Meute dran – was glotzt ihr so dämlich, wollt ihr auch noch was drauf? -, in der W. eingekeilt, eingeklemmt ist, schweißtreibend, nicht drängeln kann, weil das mit Berührung verbunden wäre, außerdem, wer weiß, wie die Ungeheuer reagieren, einge­klemmt bleibt er, zwischen fetten und dürren Lei­bern, Brüsten, Armen, Schenkeln, einmal geht es ihm an den Kra­gen, wer weiß, wie lange sein Panzer noch hält. Sogar die Tauben haben es auf ihn abgesehen, bei allen anderen flattern sie sofort ängstlich zur Seite, öffnen den Weg, um ihn jedoch kümmern sie sich nicht, bleiben frech und fett stehen, heben provozierend den Kopf und glotzen an­griffslüstern und zwingen ihn, einen Bogen um sie zu ma­chen. Und das soll eine ruhige Stadt sein, ein verschla­fenes Provinznest, wie andere sagen? Ihn erfaßt jedesmal Panik, wenn er hineingehen muß, Panik, jawohl, und er kann sich nicht erklären, wo diese Massen herkom­men, ganz plötzlich, scheint ihm, als ballten sie sich eigens sei­netwegen zusammen, als sei die Nachricht verbreitet worden, W. habe seine Höhle verlassen und komme in die Stadt. Rückzug in den Kopf, Barrikaden er­richten. Merken: Es ist nicht so, daß Ein­samkeit tödlich wäre für die Phantasie. Der Einsame wünscht sich eines Tages eine Stadt ganz für sich allein. Eine Stadt ohne die Ungeheuer, als die ihm die Menschen erscheinen. Eine Geisterstadt wünscht er sich, in der er der erste und letzte Mensch ist, und wo er höchstens sei­nen eigenen Einbildungen begegnet. Er lebt dort die Ein­samkeit als Kunst. Er ist Objekt und Subjekt zugleich, Schaffender und Geschaffenes. Er will herausfinden, wohin die konsequent gelebte Einsamkeit führt, was da ist, ganz am Ende…

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Der Untote VI

2. November 2010 Hans Zengeler

I
Wenn ich nichts unternehme, werde ich mich wohl oder übel damit abfinden müssen, sie bis zum Ende meines Untotseins als Sargnagel an meinem Bett sitzen zu sehen. Inzwischen bin ich zu der Entscheidung gelangt, daß mich das kalt läßt. Eigentlich ist es gar nicht so unangenehm. Fühlen Sie sich nun aber nur nicht gleich akzeptiert. Ich verachte Sie. Ich kann reden oder schweigen, wie es mir grad paßt. Trotzdem finde ich, daß auch das Unerzählte einen Rahmen braucht. Ich bin ein ordentlicher Mensch. Das sehen Sie an meinem Scheitel. Alles braucht seine Regeln. Auch das Untotsein. Sagen wir: Von jetzt an eine Stunde pro Tag. Zwanzig Stunden schlafe ich, drei Stunden liege ich da und sehe die Decke an. Ich gönne Ihnen die Stunde. Wir könnten spielen. Russisches Roulette. Das wäre mein Traum. Mir gefallen tödliche Spiele. Am Ende werden Sie krepieren, weil Sie herausgefunden haben, daß mich niemand bezeugen kann. Ich spinne mir alles zusammen, und Sie halten das für Literatur, Sie Blödmann. Also. El tiempo pasa. Der Kondor auch.

II
Sie hocken ja immer noch da mit Ihrem Arschgesicht und halten mir Ihre Ohrmuschel hin, in die ich meine Wahrheit hineintrompeten soll. Ihnen ist nicht mehr zu helfen. Weil ich aber heute aus lauter Faulheit gutmütig bin, gebe ich Ihnen einen Rat: Gehen Sie endlich raus, auf die Straße, da laufen hunderttausend Geschichten rum, die hunderttausendmal interessanter sind als mein blödes Gewäsch. Sprechen Sie irgendjemanden an. Sie sehen heute ziemlich merkwürdig aus, man könnt’s ja mit der Angst zu tun bekommen. Ach, Ihr Schweigen ist doch nichts anderes als psychologische Kriegsführung. Ich sage: Gehen Sie zum Bäcker. Dort arbeitet eine brünette Verkäuferin, das heißt, natürlich sind nur ihre Haare brünett. Sie ist die Schlichtheit in Person. Sie zeigt acht Stunden am Tag ein stets freundliches Wesen. Immer lächelt sie. Sogar so ein Unwesen wie mich hat sie schon angelächelt. Sie hat dunkelbraune, warme Augen, einen samtweichen Blick. Ihre Seele also ist wunderschön, das sieht, wer noch sehen kann oder grad Saint-Exupéry gelesen hat. Erzählen Sie die Geschichte dieser Verkäuferin, und die Welt wird Sie lieben. Es wird eine völlig alltägliche Geschichte sein, von einer Verkäuferin, die ihr Leben lebt. Sie wühlt nicht groß in sich herum. Sie empfindet sich nicht als bedeutend, das ist das Bedeutende an ihr. Ich denke, sie steht jeden Morgen um sechs Uhr auf, sie geht singend zur Arbeit. Sie hat einen Freund. Irgendwann werden die beiden heiraten. Sie sparen jetzt schon. Natürlich hat sie Träume, aber sie läßt sich von denen nicht beherrschen, denn sie weiß ja: Es werden Träume bleiben. Sie malt sich etwas aus und ist glücklich damit. Sie klagt und jammert nicht. Nie. Ich aber weiß, ihr Freund wird dieses wundervolle Wesen zerstören, sobald er ihr Ehemann geworden ist. Eine Tages wird er seine Liebe nur noch heucheln, um es weiterhin bequem zu haben. Er wird ihr ein paar Kinder machen und denken, dann ist sie beschäftigt. Jeden Abend wird er zur Tür hereinkommen und fragen: Ist das Abendessen fertig? Gehen Sie! Schreiben Sie diese Geschichte um Gottes willen auf. Mit mir vergiften Sie bloß Ihre Zeit.

(Zengeler: Zutode erzählt. Eine Hinrichtung)

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Der Narr oder Literatur & Szene & Wein

25. Juli 2010 Hans Zengeler

didiDas Programm sah eine Rede mit Preisverleihung vor, danach Eröffnung des Buffets, ab 22 Uhr Tanz, Mitternachtsmenü, open end.

Dr. phil. et rer. pol. hc. Niedermacher hüstelte ins Mikrophon und sagte: Pardon! Liebe Freunde, darf ich um etwas Aufmerksamkeit bitten.
Dankeschön.
Dann hielt er die übliche Rede: Literatur und Wein.
Er verglich den Reifungsprozeß der Trauben mit dem Reifungsprozeß einer Idee, die Traubenlese mit der mühseligen Arbeit der Stoffsammlung, den Oexlegrad mit dem literarischen Gehalt eines Werkes usw.
Dann nannte er seine anwesenden Autoren beim Namen, was sich anhörte, als komme er nun auf die exklusivsten Flaschen zu sprechen.
Er begrüßte Liebeneiner (den ich gut kannte) – Applaus! -, Sorgenfrey (den ich nicht sehr gut kannte) – Applaus! -, Karge (der sich nicht kennenlernen ließ) – Applaus! -, Hoelzl (der sich geweigert hätte, von mir gekannt zu werden) – Applaus! – und Radeck (der ich nicht war) – stotternder Applaus! -, alles wahrhaft typische Vertreter ihres Genres. Liebeneiner und Sorgenfrey, als Romanciers, zeigten sich weltmännisch, überlegen, redeten stets druckreif, waren versoffen und den Damen zugetan, der Lyriker Karge war hypersensibel, weltfremd, ätherisch, unantastbar, pädophil, der Dramatiker Hoelzl wirkte finster und tragisch und sprach immer lautstark, als müsse er geplante Dialoge und Monologe auf ihre Wirkung hin überprüfen, und Radeck, der Lohn- und Auftragsschreiber im Verzug, stellte infolgedessen den Angestellten dar, der sich höflich dafür bedankte, wenn er mit so großen Namen in einem Atemzug genannt wurde, was man als ironische Bescheidenheit mißverstand.
Danach erfolgte die Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers der Niedermacherstiftung. Es ist – Dr. Robert Karge!

Donnernder Applaus!

Die Laudatio hielt, der Einfachheit halber, der Stifter selbst. Er kam nur auf eines zu sprechen: auf Karges obsessive Bedichtung des Wassers. Konsequenter habe noch kein Lyriker der Neuzeit das Wasser poetisiert. Vielfältiger und mysteriöser und absurder und surrealistischer habe noch keiner das Wasser beschrieben usw. Außer den ehrenden Worten bestand der Preis aus einer Kiste Wein und einer Medaille, die ein wenig dem Bundesverdienstkreuz glich und als Ordensband zu tragen war. Karge ließ sie sich anheften und machte dazu ein derart durchgeistigtes Gesicht, daß man meinen konnte, durch eine Wasserblase zu sehen. Doch dann zeigte er sich überraschend witzig und hauchte: Zur Strafe lese ich Ihnen nun ein Gedicht. Polterndes Gelächter und noch einmal Applaus.
Aber dann, endlich: die Freigabe des Buffets, das übliche Drauflosgerenne, bezeichnend, daß die Kraft und die Spannweite meiner Ellbogen nicht ausreichten, um zu den feineren Delikatessen vorzudringen. Kaviar, Hummer, Krevetten, Lachs, Taubenbrüstchen, Gänseleberpastete… alles war im Nu auf die Teller geschaufelt, mir blieb noch die Wahl zwischen gefüllten Eierhälften, spanischen Oliven, französischer Salami und diversen Salaten …

In meiner Nähe stand jetzt Liebeneiner (“Mich liebt keiner!”), der sich angeregt mit einer etwas blassen, eingeschüchtert wirkenden, jüngeren Frau (Typ: Bibliothekarin) unterhielt. Diese Art Frau war seine weithin bekannte Spezialität. Wenn Liebeneiner unterwegs war auf Promotiontour, “on the road”, wie er sagte, konnte man sicher sein, daß er überall beglückte Veranstalterinnen hinterließ, sofern die nur blaß, schüchtern und unter dreißig waren. Der Mann mit den schon leicht angegrauten Schläfen, zu dessen Kennzeichen das zerknautschte Leinensakko von Guy Laroche und der schwarze Alfa Romeo gehörten, machte Eindruck. Auch auf mich. Besonders auf mich. Ich bewunderte ihn für die psychoanalytische Zielsicherheit, von welcher die Frauen anscheinend so fasziniert waren, daß sie ihn ohne größere Widerstände in sich eindringen ließen. Liebeneiner spielte auf dieser psychoanalytischen Orgel wie ein genialer Konzertorganist. Manchmal freilich übertrieb er es und hinterließ Opfer. Die schufen dann den zum Schreiben nötigen Gewissenskonflikt. Er verewigte sie also. Das war das mindeste, was er für seine Opfer tun konnte.

Im Augenblick war er aber noch nicht entschieden, ob sich der Einsatz der psychoanalytischen Orgel bei seiner Gesprächspartnerin lohnte. Seinen Blicken glaubte ich zu entnehmen, daß er mit den höchstens mandarinengroßen Brüsten nicht völlig zufrieden war. Er mußte die Frau zum Lachen bringen, um feststellen zu können, ob da nicht doch etwas mehr aus dem Dekolleté hüpfe, als bloß diese verzagten Schwellungen. So wie Karge vom Wasser besessen war, war er es von Brüsten, die in seinen Romanen gehäuft vorkamen. Die Frauen darin entblößten stets ihre Brüste, und es gelang ihm, sie derart treffend zu beschreiben, daß man meinte, sie in der Hand zu halten. Überall sah Liebeneiner Brüste. Auch Landschaften, vor allem die verschiedenen Hügelformen, beschrieb er als Brüste, so daß die Spaziergänge in seinen Büchern zu erotischen Besteigungen gerieten. Offenbar befand er sich auf der Suche nach der allergrößten, allermächtigsten, an die Grenze der Sprache heranreichenden Brust.

Fasziniert beobachtete ich, wie er jetzt versuchte, die Brüstchen der jungen Frau allein mit den Mitteln der Sprache zum Vorschein zu bringen. Tatsächlich hoben und senkten sie sich, und hüpften fröhlich, wenn er sie zum Lachen brachte. Leider konnte ich in dem allgemeinen Gesprächsdurcheinander nicht hören, was Liebeneiner sagte, aber wie er es sagte, das sah ich. Er sprach nicht mit der Frau, sondern er besprach deren Brüste, er flötete sie an, wie ein Schlangenbeschwörer. Bewundernswert. Liebeneiner war mir nicht nur literarisch um Welten voraus. Deswegen konnte er mich auch einigermaßen gut leiden. Er geruhte sogar, mich zu bemerken. Als er sah, daß ich ihn sah, zwinkerte er mir zu, so vertraulich, als bestünden geheime Abmachungen zwischen uns. Dieses Zwinkern von Liebeneiner war so viel wert wie der Niedermacher-Literaturpreis. Für mich. Ich fühlte mich jedenfalls geehrt. Ja, zwei, drei Sekunden lang fühlte ich mich geehrt.
Dann schwebte die Gattin des dreifachen Doktors heran und machte mir wieder klar, wohin ich gehörte: Ich überlege mir schon den ganzen Abend, wo ich Sie zuletzt gesehen habe, Radeck. War es nicht vor etwa zehn Jahren in der Staatsbibliothek, wo Sie aus der Hand meines Gatten ein Stipendium erhielten?
Mag schon sein, daß das zehn Jahre her ist, sagte ich und stellte mich auf die Zehenspitzen, denn ich wollte unbedingt sehen, wie weit Liebeneiner mit seinen Brüsten war, doch die hauptberufliche Gattin versperrte mir hartnäckig das Blickfeld.
Und, sagte sie, hat es geholfen?
Was? fragte ich.
Das Stipendium, sagte sie.
Schon, sagte ich.
Meine wenig mitteilsame Art beeindruckte sie überhaupt nicht. Sie fragte nach meinen Lektüregewohnheiten, Klassik oder eher Neuzeit?
Proust, sagte ich. Ich lese nur Proust, seit Jahren ausschließlich Proust.
Oh! sagte sie, aber wenn schon Proust, dann doch wohl hoffentlich im Original.
Klar, sagte ich.
Sie nickte. Das muß man anerkennen, Proust im Original, immerhin, das trifft man selten, und woran schreiben Sie gerade?
Ich schreibe über den Furz und seine Beziehung zum Unbewußten, sagte ich.
Aha, sagte sie.
Genau, sagte ich.
Ihr ragte der Schwanz einer Riesengarnele aus dem Mund.

aus: Zengeler, Der Narr, Neunzehnhundertirgendwann

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Noch so ein Tag

19. Juli 2010 Hans Zengeler

Zum Beispiel der 27. März:
Noch immer kalt. Im Norden Schnee und Frost. Landtagswahlen: das Übliche, alle haben gewonnen. Im Fernsehquiz stolperte eine angehende Urologin über Shakespeare. Aber mehr noch über ihre Fehleinschätzung, der Quizmaster sei auf ihr heftiges Flirten angesprungen und werde sie vor dem Schritt in den Abgrund bewahren: er tat es dagegen mit Genuß, er ließ sie genüßlich abstürzen. Mein Rücken macht Probleme. Die Putzfrau putzt. Meine Frau putzt auch, damit die Putzfrau anschließend putzen kann. Heute muß ich viel erledigen, sagt sie, meine Frau. Ich reiche ihr wortlos die Zeitung, damit sie ihre Tätigkeitsaufzählung nicht fortsetzt. Die Tauben sitzen auf ihrem Lieblingsplatz: der Dachfirst des gegenüberliegenden Reihenhauses. Ich werfe einen um den anderen Blick aus dem Fenster, bis alle Blicke verloren gehen. Meine Frau geht zum Obi. Heutzutage will jeder ganz unbedingt ins Fernsehen. Frauen bewerben sich um den Titel der Partyschlampe, ziehen sich aus, bezwirbeln ihre Brustwarzen vor laufender Kamera. Kaleidoskop der Alltäglichkeiten. Nichts ist banal, weil alles banal ist. So ein Blick in ein durch permanente Zerstreuung zersplittertes Hirn. Die Putzfrau putzt immer noch. Ob ich mich aufs Ohr legen werde? Du darfst jetzt eine halbe Stunde nicht rauchen, weil du Medikamente eingenommen hast. Das wiederum erinnert mich an den Urologen, der totalen Rauchstop befohlen hat nach Einnahme von Antibiotika. Waren das Zeiten, als einem die Blase gespiegelt wurde, als der Herr Doktor, mit Schlachterschürze angetan, vor einem stand, das Gemecht des Patienten direkt vor dem Gesicht und einem dann mit der Bemerkung, es könne etwas unangenehm werden, das durchwässerte Rohr durchs eigene Rohr bis zum Anschlag hochschob, daß einem Hören und Sehen verging, ein Talkshowthema: wie man sich als Mann auf dem gynäkologischen Stuhl fühlt. Interessiert es dich? Bestimmt nicht! Es ist nicht auf den Anrufbeantworter gesprochen worden. AB, heißt das, was mir ebenso fremd bleiben wird, wie geil, obergeil usw. An deinem Sprachempfinden stellst du dein Altern fest. Das erste Modewort, das dich stört, befremdet, wütend macht, – es ist das Signal: jetzt wirst du alt, jetzt hat eine andere Generation das Sagen übernommen. A. sagt: Die alten Leute gehörten aus dem Verkehr gezogen, mit 60 spätestens sollten sie den Führerschein abgeben …oder noch besser: sie sollten sich für das sozialverträgliche Frühableben entscheiden …

(Zengeler: TagesLäufe, verlegte Texte)

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Erleuchtet!

15. Juli 2010 Hans Zengeler

Eigentlich warte ich auf die Erleuchtung. Seit Jahren. Und nicht nur, daß mir ein Licht aufgeht, nein. Erleuchtung soll es sein. Eines Morgens werde ich die Augen aufschlagen, und es soll so hell im Zimmer sein, daß jeder Gegenstand, auch der unbedeutendste, von mir erkannt werden kann. Und also auch begriffen. Und natürlich soll dieses Licht auch auf mich fallen. Ein Röntgenlicht soll es gewissermaßen sein, von metaphysischer oder spiritueller Qualität, ich weiß nicht genau, wie ich es nennen soll. Jedenfalls sollte, wenn ich dann in den Spiegel sehe, alles durchschaubar sein, mein Selbst, meine sogenannte Seele, meine Gedanken. Ich würde mich dann begriffen haben. So stelle ich mir wenigstens die erste Stufe meiner Erleuchtung vor. Ich wüßte ganz genau, wer ich bin und was ich hier zu suchen habe. Auf der nächsten Stufe würde mir dann die Hinter- und Abgründigkeit der Welt enthüllt. Ich begriffe sie ganz und gar, und schließlich fiele das unter Umständen erbarmungslose Licht auch noch auf das Leben selbst: was ist es, was bedeutet es, warum und wozu wird es einem gegeben und schließlich wieder genommen. Marlis sagt: Denk nicht so viel, schaff endlich was …

(aus: Zengeler, Hirnrisse, kein Roman)

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Irrläufer

15. Juni 2010 Hans Zengeler

Gluthitze – heiß wie in einem Backofen – - – der Schweißgeruch Fischgeruch Uringeruch – - – morgens Sonne abends Gewitter – seit wann fürchtest du dich eigentlich vor Donner und Blitz – Augen und Ohren zuhalten – die Großmutter hat sich bei jedem Gewitter auf die unterste Treppenstufe gesetzt mit einem Notgepäck Geld Ausweise Versicherungspapiere – - Taifun vor zwei Jahren passen Sie doch auf wo Sie hinlaufen Hagel Bäume wie Streichhölzer geknickt schwefelgelber Wolkenbrei zehn Minuten der Spuk wütend über die Ohnmacht – - – - – - hasse fette Tauben pfui Teufel gemma Taubn vergiftn im Park – Süskind genau – - – - – kastanienrotes Haar wippende Brüste – na ja – - – - – - – der BMW-Fahrer ist ein sportlich versnobter Idiot mit Killerinstinkt – soziologische Untersuchung des Fahrverhaltens in Relation zum Wagentyp gesetzt – mal andenken – - schrille Kläffer freche Flitzer spritzen durch den Verkehr als wollten sie Duftmarken setzen – guter Satz – merken – speichern – rührend ordnungsliebend aber auch mit Denunziantenqualitäten der Fahrer mit Hut und überhäkelter Klopapierrolle auf hinterer Ablage – Brüste überall wippende fröhliche Brüste – breitärschig dahinschleichende Mercedesse schwitzende Specknacken straßenbesitzergreifend – im Auto tritt Verhaltenswahrheit zutage – rast so ein BMW schwarz Dreierklasse auf Fußgängerampel zu daß die dort Wartenden erschrocken zur Seite spritzen – mal so einem Typ stundenlang in die Fresse hauen – - – - – - – Pitbullbesitzer bräuchten einen Waffenschein für ihren Charakter feige verschlagene hinterhältige Visagen – - – - – - – - – aus Schaufenstern schrie ihm der geballte Luxus entgegen Lachs schimmerte rosig auf zerstoßenes Eis gebettet rotglibbrig perlte der Kaviar aus der Dose – speichern – - hier Selbsthilfegruppen gegen Freßsucht dort Tod durch Hunger – - – Deutschland den Deutschen Triumphzug der unsterblichen Dummheit – - mal einen Politiker einen Tag lang nicht aus seinen Versprechen entlassen ihn festnageln ihm jedesmal in die Schnauze hauen wenn er lügt ihn mit seinen Opfern konfrontieren – - – - – - – - – - Spottet ja nicht des Kinds wenn es auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt denn auch ihr Deutschen seid tatenarm und gedankenvoll – - – wenn es sehr heiß ist nimmt die Vergewaltigungsbereitschaft der Männer zu – - nichts denken – - – - – - – - – - – - wie geht’s ganz gut danke ich hab mir gerade eine Eigentumswohnung gekauft stell dir vor am Montag bei Fred am Dienstag Party bei Hans am Mittwoch Polterabend bei Gerald am Donnerstag Fete bei Jan am Freitag Abschied von Helen ich komm zu nichts mehr – in den Osten fahr ich nicht zu diesen plötzlich erwachten Überdeutschen – - – - Django – was der wohl macht – Zigaanabluod is kaa Budamüich hat er immer gerufen – ihr könnt’s olle meine Eier fressen – draußen auf seinem Platz damals wie lang ist das her – gesoffen jeden Tag – der letzte Mohikaner – ich mach meine eigenen Gesetze ich brauch für nichts eine Erlaubnis – all die groß und kleinbürgerlichen Neurotiker sind zu ihm gepilgert um Freiheit zu lernen – er verführt unsere Kinder haben die Eltern gejammert die Stadt hat ihm den Platz mit Klärschlamm einfach zugeschüttet – der neue Oberbürgermeister kam sah und siegte hat in der Zeitung gestanden – - am Ende hat sich herausgestellt daß Django gar kein Zigeuner ist – wozu dann die Geschichte mit den vergasten Eltern – - – zieht zu – von einem Blitz aus heiterem Himmel getroffen zu werden ist auch nicht gerade – - heimgehen – Wortklang heim - komisch – - – - – -

Wo bist du gewesen?
Unterwegs in der Stadt.
Was hast du gesehen, wen getroffen, mit wem gesprochen?
Ich habe nichts bestimmtes gesehen, niemanden getroffen, mit keinem gesprochen.
Was hast du erlebt?
Gedanken.

(Zengeler: Der Sturz durch den Spiegel)

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Das Charismaprogramm

5. Mai 2010 Hans Zengeler

Gregor fragte sich, was ihn als nächstes erwartete. Was könnten die noch vorhaben mit ihm? Welche Auflösung käme in Frage? Er hatte mal von einem Training gelesen, dessen Abschluß darin bestand, nachts allein durch den Wald zu gehen. Man suggerierte der Testperson, daß es dabei hauptsächlich auf ihr Orientierungsvermögen ankäme, aber das diente nur der Ablenkung. In Wahrheit ging es um etwas ganz anderes. Man inszenierte Geräuschterror vom Tonband, Stimmen, Geflüster, Gelächter, wilde Tiere. Dann auch wieder lange Phasen der Stille. Auf diese Weise sollte in der Testperson nach und nach Angst aufgebaut werden. Man weiß ja, es gibt keine größere Angst, als die Vorstellung, aus der Dunkelheit heraus von einem wilden Tier angefallen zu werden. Es ist dies eine Ur-Angst des Menschen. Und genau darauf zielt man ab. Man will den Manager so weit bringen, daß er an das wilde Tier wenigstens denkt. Die Geräusche befördern das. Der Mann wird nervös. Er versucht die Geräusche zu orten und zu definieren, denn was definiert und geortet ist, schwächt die Angst ab zur konkreteren Furcht: ein Käuzchen, der Wind, die eigenen Schritte, das klopfende Herz…
Der was taugt, dachte Gregor, geht seinen Weg ruhig weiter, ohne die potentiellen Gefahren zu vergessen. Er programmiert sich so, daß er in jedem Augenblick auf eine plötzlich auftauchende Gefahr adäquat reagieren kann.
In dem Bericht hatte gestanden, daß die Trainer im Manager absichtlich die Bereitschaft zur Gewalttätigkeit zu wecken versuchten. Man werde auch tatsächlich über ihn herfallen und auf ihn einschlagen; und zwar im Augenblick seiner höchsten, nicht mehr zu steigernden nervlichen Anspannung.
Wenn er nicht zurückschlägt, dachte Gregor, wenn er sich wie ein Hund gleich auf den Rücken wirft und sich so zu seiner Unterlegenheit bekennt, oder wenn er versucht, etwa durch ein Gespräch Gewalt zu verhindern, ist er durchgefallen. Der was taugt, schlägt ohne zu überlegen zurück, in ihm ist der erwünschte Killer-Instinkt durchgebrochen, der für den Erfolg eines Geschäfts ja auch unbedingt notwendig ist. Wollen sie mich in eine vergleichbare Situation zwingen? fragte er sich…

Aber hier geschieht nichts dergleichen, hier passiert überhaupt nichts, was noch viel schlimmer ist, korrigiert der Erdenker und schreibt vor: Du gehst wieder ins Hotel. Es ist immer noch niemand da, immer noch still. Es könnte sein, daß man dich glauben lassen will, alle seien abgereist. Dein Blick fällt auf die Treppe, die in den Keller hinabführt (wo kommt diese Treppe so plötzlich her? Warum habe ich sie nicht früher entdeckt?). Du siehst eine erst vor kurzem eingelassene Stahltür und fragst dich, was wohl dahinter sein könnte. Sehr mutig bist du nicht (bin ich doch!). Das Raubtier. Das Entsetzen. Der tödliche Schrecken. Du gibst dir einen Ruck. Du denkst: Wenn ich es nicht schaffe, hinter diese Tür zu schauen, dann habe ich versagt, dann sind alle bisherigen Mühen umsonst gewesen.
Du gehst langsam nach unten.
Du stehst vor der Tür (na endlich!).
Du nimmst die Klinke in die Hand, drückst sie nieder, spürst, wie die Tür nachgibt, du öffnest sie langsam, sehr langsam. Du siehst nichts. Kein Licht. Du hörst ein Gebläse. Deine Hand tastet nach dem Lichtschalter. Du findest ihn. Jetzt siehst du einen langen Gang mit weiteren Türen, die beschildert sind: Heizung, Kühlraum, Weinkeller usw. Nur eine Tür hat keine Beschilderung. Du gehst darauf zu (ich würde aber den Weinkeller wählen!), du legst dein Ohr daran. Außer deinem Herzschlag hörst du nichts. Du mußt da hinein (warum?). Du kannst jetzt nicht aufgeben (warum nicht?). Nur noch diese eine Tür (und dann?). Du holst tief Luft, hältst den Atem an und öffnest die Tür. Licht (woher?). Was du siehst, ruft keinen Schrecken hervor, bloß Staunen. Es handelt sich um eine Art Video-Raum mit einer Monitorwand, mit Computern, einem Kommandopult. Das mußt du dir alles mal genauer ansehen. Du schaltest die Monitore ein. Sie zeigen die Hotelzimmer. Alle leer. Also Kameras drinnen versteckt, das überrascht dich nicht, du hast sowas ja vermutet, du hast dich also zurecht beobachtet gefühlt, das beruhigt dich, du hast dir nichts zusammengesponnen.
In einem unverschlossenen Blechspind entdeckst du Videocassetten, die meisten mit dem Aufkleber “Seminar” und einem Datum versehen. Eine Cassette weckt deine Neugier ganz besonders. Sie trägt die Aufschrift Charisma. Du erinnerst dich an das von der Konzernleitung erwähnte Charisma-Programm. Du schiebst die Cassette in einen Recorder, und alsbald erscheint Frau Ehlert, die Chefpsychologin auf dem Monitor. Sie steht an einem Rednerpult, hinter ihr eine Schautafel mit Gesichtern, über die ein Raster gelegt ist…

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich herzlich für die Einladung und möchte sofort zur Sache kommen. Sie wissen, ich habe mich als Psychologin schon seit Jahren mit der Thematik auseinandergesetzt, wie das Charisma der Führungspersönlichkeit zu verbessern wäre.
Es gibt ja nun zahlreiche Trainingsmethoden, über die wir hier nicht mehr zu diskutieren brauchen, sie sind hinlänglich bekannt. Obwohl durchaus als brauchbar erwiesen, kam ich zu dem Ergebnis, es fehle diesen Trainings – wenn ich das einmal so salopp formulieren darf – der letzte Pfiff, die Krönung sozusagen.
Nun, ich habe, was gewiß so neu nicht ist, festgestellt, daß Charisma nicht nur durch eine innere, sondern natürlich auch durch eine äußere Ausstrahlung entsteht bzw. hergestellt werden kann. Ich habe das Äußere von zahlreichen Wirtschaftsführern studiert und mich mit ihnen darüber unterhalten. Ich bin – Details hierzu entnehmen Sie bitte meiner Broschüre -, ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß es nicht ausreicht, seine Mitte zu finden, wie man uns oftmals einzureden und beizubringen versucht, daß es nicht ausreicht, allein innere Qualitäten zu entwickeln, in der Hoffnung, diese würden dann auch positiv nach außen abstrahlen, nein, wir müssen schon auch außen etwas verändern, und damit meine ich natürlich nicht nur das Outfit, obwohl auch dieses eine Rolle spielt. Ich verweise Sie in diesem Zusammenhang auf meine Untersuchung zur Psychologie der Farben, Seite 38 meiner Broschüre, doch das nur nebenbei. Viel wesentlicher für das, ich möchte einmal sagen Design eines Charismas, ist das Gesicht, nicht wahr, das Gesicht, das ich Ihnen verpassen kann, Sie werden von mir, beziehungsweise meinem Team ein Gesicht zugeschnitten bekommen, dessen charismatischer Ausstrahlung sich niemand mehr wird entziehen können

Zengeler: Der Sturz durch den Spiegel.

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