Der Zweifler

März 10th, 2010 by Hans Zengeler

zwangsgedankenErkundigungen einholen, Ermittlungen anstellen: Was alles wirkt auf den ein und sich dann wieder auf mich aus? Wer schreibt ihm etwas vor? Was also sind die wahren Motive, die wahren Hintergründe meiner Geburt?

Unterwegs auf schmalen Pfaden mäandrischer Hügelketten, kahl, zerfressen, zerstörte Natur, alles durchlöchert, ausgehöhlt, poröses Gestein, aufgewühlte, ausgetrocknete Gedankenäcker, Folgen einer zerstörenden Kraft, aber welcher?

Sie zeigt sich mir wenig später, wird verkörpert durch ein an Fettsucht leidendes, schwitzendes, übel riechendes und ebenso gelauntes Wesen, wohl männlich, mit scharfen Klauen anstelle von Fingernägeln und Nagetiergebiß.

Er gräbt, untergräbt, höhlt aus, bohrt an, zernagt, bringt mühelos Gedankengebäude zum Einsturz, und was sich wieder hochdenken will, wird nach kurzer Geschmacksprüfung ebenso schnell wieder abgetragen von ihm, daß es erst gar nicht die Chance zum Wachsen bekommt.

Dieses Tun verlangt nach einer Erklärung. Was bringt diese Zerstörung ihm ein?
Er spuckt verächtlich ein mageres Gedankenknöchelchen aus und geifert: Höchste Vollendung,, ich verlange die höchste Vollendung, die absolute Perfektion, kapiert! Aber das hier ist alles verdorben, ungenießbar, zudem auf Sand gebaut, unhaltbar, einfallslose Architektur, kann man getrost vergessen, das bereichert die Welt nicht, das baut sie nicht neu.

Er mustert mich kritisch, entblößt sein scharfes Gebiß, rollt mit den Augen, zeigt dann mit dem Daumen nach unten: Dir seh ich gleich an, daß die Worte nichts taugen, aus denen du gemacht worden bist, höhnt er. Solche wie dich rauch ich zum Frühstück in der Pfeife, eingeäschert gehörst du sofort.

Mein Gott! entfährt es mir.

Da magst du recht haben, wirft er sich stolz in die Brust, das bin ich schon, ein Gott der Zerstörung, was das Mindere betrifft, aber auch eine treibende Kraft für das Genie.

Es kann doch aber nicht jeder mit höheren Weisheiten gesegnet sein, wende ich ein, der Minderbemittelte hat auch sein Recht.

Schon, gesteht er mir zu. Aber dann muß wenigstens der Erschaffer desselben was auf dem Kasten haben, dann muß das Mindere Kunst werden. Aber was der da - er meint meinen Erdenker - in letzter Zeit schafft, ist so wenig stabil, daß der Hauch meines Atems genügt, es in Sack und Asche zu blasen.

Wie er das sagt, wirft er sich wieder stolz in die Brust und bläst zum Beweis seiner Macht gleich Satzgerüste zu Schrott.

Erzähl mir deine Geschichte, fordere ich ihn auf, woher kommst du, was hat dich geboren, was hält dich noch hier, wo dir doch anscheinend alles mißfällt?

Er unterbricht seine Arbeit, er setzt sich, säuft geschwind noch eine Denkquelle leer, wischt sich das Maul und rülpst: Krank kann man wer’n von dem Zeugs, siehst ja selber, wie mich das gemacht hat im Laufe der Zeit, so sah ich nicht immer aus. Das Wesen, das in mir ist, kam mit dem ersten Gedanken, dem Urgedanken sozusagen zur Welt, zu der Zeit, da der Mensch ein Bewußtsein von sich bekam, das Fragen aufwarf. Es ist in vielen daheim, in Millionen von Hirnen. Besonders lebendig wird es, wo Entscheidung und Urteil anstehn, auch blüht es prächtig in den Sensiblen, in den Ungläubigen sowieso, des weiteren in Skeptikern und Pessimisten, aber Gott und Teufel in einem wird es erst in den sogenannt Kreativen, in denen regiert es unumschränkt, kann allmächtig, um nicht zu sagen übermächtig werden, doch das nur nebenbei.
Jetzt zu dem hier. Das ist ein schwieriger Fall. Wann genau ich einzog in den, vermag ich nicht mehr zu sagen. Kann sein, er rief mich bereits in der Stunde seiner Geburt. Wenn ich davon mal ausgehe, dann drückte sein erster Schrei schon Ungläubigkeit aus, dann stand das Mißtrauen Pate. Mit einiger Sicherheit kann man sagen, daß er sich nicht mehr wohl fühlte in seiner Haut, von dem Augenblick an, als er „ich“ sagen konnte. Das bezweifelte er. Ich? Wieso Ich? Was ist Ich? Das gab Arbeit für mich, das weckte meine Lebensgeister, das hauchte mir Seele ein. Und das Fragen hörte nie auf. Um es auf den springenden Punkt zu bringen: Er glaubte sich nicht, er vertraute sich nie. Er überfütterte mich mit Fragen, alle beginnend mit einem großen Warum, das machte mich krank, ihn übrigens auch. Die Folge: er wandte sich von mir ab. Er taumelte haltlos durchs Leben, suchte das Vergnügen, das Abenteuer, hoffte auf Wunder, auf den glücklichen Zufall, auf was weiß ich noch alles. Er existierte zweifellos, zweifelsfrei. Aber unglücklich. Je weiter sich einer von mir entfernt, desto gewissen- und skrupelloser wird er auch. Ohne mich stellt sich keiner in Frage. Wer sich aber nicht mehr in Frage stellt, wird am Ende gleichgültig gegen sich selbst und die Welt. Anders gesagt: er stirbt ab. Das hätte ihm auch geschehen können, hätte sein Unglück nicht eines Tages zur Sprache gedrängt. Er schrieb also auf, was ihm fehlte. Um es kurz zu machen: diese Notizen gelangten irgendwann zufällig in die Hände eines berufenen Schreibers, der meinte, das sei eine Sprache, die sich durchaus an andere wenden dürfe, er sei wohl ein Dichter. Das gefiel dem, der schon geglaubt hatte, für nichts mehr zu taugen, natürlich nicht übel. Es ist genau die richtige Aufgabe für mich, dachte er leichtfertig, ein Buch schreiben und damit berühmt werden und reich. Und dann das viele Geld verbraten. Und dann eben wieder eins schreiben. Und so weiter. Nichts leichter als das …

(Zengeler: “Sturz durch den Spiegel”)

Das Labyrinth

März 6th, 2010 by Hans Zengeler

Gehen wir vor dem Abendessen noch ein wenig spazieren, schlug Liebeneiner plötzlich vor, er habe im hinteren Teil des Parks einen Irrgarten entdeckt, den wolle er sich mal näher betrachten. Er finde nämlich solche Labyrinthe faszinierend. Haben Sie Lust?
Ja, log Berger, der überrascht war, von Liebeneiner nun doch noch angesprochen und sogar eingeladen zu werden, nachdem der ihn in den letzten beiden Tagen deutlich hatte spüren lassen, daß er nicht an seiner, Bergers, Gesellschaft interessiert sei. Aber er nahm jetzt die Einladung nicht an, weil er sich dadurch einen näheren Kontakt erhoffte, sondern weil er glaubte, sie erfolge nach Plan. Das Psychotraining, dachte er wieder. Nur so ergibt alles einen Sinn. Gewiß gehört Liebeneiner zu der anderen Seite, der kann mich nicht täuschen. Zu übertrieben sicher, zu gelassen ist der. Das ist in so einer Situation nicht normal. So sicher kann nur einer sein, der weiß, was gespielt wird.

Liebeneiner ging voran. Als sie das Labyrinth, das schon ziemlich verwildert war, betraten, wollte er wissen, ob er, Berger, Greg eigentlich persönlich kenne.
Welchen Greg? fragte Berger zurück.
Na, den großen Boß, den Konzerngott, grinste Liebeneiner.
Berger schüttelte den Kopf.
Liebeneiner beschrieb ihn: Eine imponierende Erscheinung, ein Naturereignis gewissermaßen. Stellen Sie sich einen potenzierten von Brauchitsch vor, dann haben Sie Schroeder. Wenn Sie vor ihn hintreten, wissen Sie sofort, was Macht ist. Sie spüren die Macht körperlich. Es ist erregend, Berger, erregend, sage ich Ihnen. Er, Liebeneiner, sei letzte Woche bei Greg gewesen, Wochenendhaus am Attersee. Ein kleiner Empfang. Wußten Sie, daß Greg eine Schwäche hat für die bildende Kunst?

Hier geht es nicht weiter, sagte Berger und zeigte auf einen toten Gang.
Liebeneiner nahm es achselzuckend zur Kenntnis, erzählte weiter von Greg, der besonders die unbekannten Künstler fördere. Er habe eine Stiftung gegründet, die jährlich die Schroeder-Medaille vergebe, hunderttausend Mark steuerfrei, dazu eine Einladung an den Attersee, mit Gelegenheit, die neuesten Werke auszustellen. Das sollten Sie mal sehen, Berger, wie diese sich sonst so antikapitalistisch zeigenden Künstler vor dem Großkapitalisten den Diener machen!

Noch eine ganze Weile erzählte Liebeneiner von jenem Wochenende am Attersee, was Berger vorkam, als solle er mit dem Erzähler den Gipfel der Belanglosigkeiten erklimmen. Geschwätz, nichts als sinnloses Geschwätz, das höchstens dazu dienen konnte, herauszufinden, wie lange er sich sowas gefallen ließ. Und eine weitere Merkwürdigkeit fiel ihm auf, nämlich, daß Liebeneiner anscheinend gezielt tote Gänge ansteuerte und hineinlief, obwohl er ihn vorher schon darauf aufmerksam machte. Auch jetzt standen sie wieder vor dichtem Buschwerk, das Liebeneiner interessiert betrachtete. Er stellte die Frage, wie er, Berger, sich denn fühle in so einem verwachsenen Labyrinth, permanent mit Sackgassen, natürlichen wie unnatürlichen, konfrontiert.

Ja, wie solle man sich da schon fühlen, entgegnete er. Ihn erinnere das an Lernversuche mit Ratten. In jedem toten Gang bekämen sie zur Strafe einen Stromstoß verpaßt, so lange, bis sie den richtigen Weg gefunden hätten.

Nicht übel diese Assoziation, grinste Liebeneiner. Und vieldeutig dazu. Darauf wäre er jetzt nicht gekommen. Ihm erscheine der Irrgarten eher wie ein komplettes Abbild des Lebens, wo man ja auch damit rechnen müsse, in tote Gänge zu laufen. Aber wer sich nicht verirre, erlebe auch nichts, die geraden Wege seien doch die langweiligsten, nicht wahr?

Berger schwieg. Es war ihm zu dumm, dem auch noch zu attestieren, daß er die nur mäßig getarnte Botschaft, der Manager müsse bereit sein, auch illegale Wege zu gehen, verstanden hatte.

Gefühle, fuhr Liebeneiner fort und verließ den vorgeschriebenen Weg, indem er die Buchsbaumhecken an einer Stelle mit bloßen Händen auseinanderbog, Zweige zerbrach, Gefühle sollte sich eine Führungspersönlichkeit nicht leisten. Sie hat vielmehr herzlos zu sein. Wen das stört, der soll Pfarrer werden. Seelsorger, genauer gesagt. Die Kirche bräuchte übrigens auch mal einen Image-Transfer, nebenbei bemerkt. Die Japaner sind uns weit voraus, gerade auch was das Training des Managers betrifft. Sie lernen die Lust an der Demütigung. Sie lassen sich stundenlang in den Arsch treten, bedanken sich und treten zurück. Ich habe gehört, daß sie in Tokio zur Hauptverkehrszeit auf die Straße geschickt werden und ein Lied auf den Konzern singen müssen, lauter als der Verkehr. Sie werden natürlich unflätig beschimpft, vielleicht sogar überfahren, was gut ist, denn das stellt die natürliche Auslese sicher.

Das Labyrinth schien endlos zu sein. Wieder ein toter Gang. Berger kam allmählich ins Schwitzen.

Der Topmanager, brüllte Liebeneiner jetzt, der Topmanager ist ein begnadeter Verbrecher, aber einer, ohne den man nicht auskommt, denn er ist es, der den Wohlstand schafft, von diesem begnadeten Verbrecher erhalten die Leute ihr Geld, oder sehen Sie das vielleicht anders?

Berger wagte ein Ja. Es gebe seiner Ansicht nach auch andere Möglichkeiten, Geschäfte zu machen, man müsse nicht in jedem Fall auf die Ehrlichkeit verzichten, auch diese könne sich mitunter als erfolgreiches Marketingkonzept erweisen.

Wohl ein Vertreter des Soft-Managements, lachte Liebeneiner scheppernd und ließ einen Zweig zurückschnellen, Berger konnte sich gerade noch rechtzeitig ducken.

Natürlich ist mir klar, Berger, daß das gesamte Management ein Irrweg ist, der eines Tages in der allerletzten Sackgasse enden wird. Keiner von uns hält sich im wahren Leben auf. Wir haben davon überhaupt keine Vorstellung mehr. Wir wollen nur eins: immer weiter nach oben, immer mehr Macht, immer mehr Profit, immer mehr Geld. Die Bilanzsumme der Deutschen Bank entspricht ungefähr dem Bruttosozialprodukt der Republik. Wer Macht will, muß sich zwangsläufig verirren. Auch menschlich betrachtet, nein: gerade menschlich betrachtet. Man muß sich rückhaltlos für diese Zwangsläufigkeit entscheiden, freiwillig, Berger. Weil das Kühnheit ist. Wir sind die Huren des Profits, er ist unser Zuhälter sozusagen. Der Sensible, um den Erhalt seiner Seele bemüht, tritt auf der Stelle, der schafft keinen Profit, dem kommt das Gewissen in die Quere, dem - Liebeneiner brach einen Zweig auseinander -, dem bricht man das Kreuz, merken Sie sich das.

Berger fand, dieser nahezu im Befehlston gehaltene Vortrag gehe zu weit. Er wollte nicht auf diese Weise belehrt werden. Es war sicher auch der Versuch einer Denunziation des eigenen Standes, und Liebeneiner hatte zu testen, ob der Proband das akzeptierte. Jener verspürte aber keinerlei Lust, dem ein anderes Bild entgegenzusetzen. Der Proband ist durch nichts zu beeindrucken, er läßt sich nicht ausrechnen, könnte im Protokoll stehen. Der Proband war aber auch müde. Es kam ihm vor, als seien sie nun schon seit mindestens einer Stunde unterwegs, als bewegten sie sich wie auf einer Spirale hinein hinaus hinein, er hatte jede Orientierung verloren. Das Labyrinth war schon zu verwachsen, um noch übersichtlich zu sein. Die Luft stand dick in den Gängen, es roch nach Fäulnis überall.

Liebeneiner entdeckte eine bemooste Steinbank und setzte sich. Berger sah, der schwitzte kein bißchen. Das wunderte ihn. Es war doch wirklich drückend schwül. Und der hatte das Hemd bis zum obersten Knopf hin geschlossen, hatte noch nicht einmal seine Jacke ausgezogen.

Ob er sich nicht zu ihm setzen wolle, fragte Liebeneiner und klatschte auf die Bank. Berger verneinte. Ihm falle grad ein, daß er noch einen dringenden Anruf zu erledigen habe, bis später also.

Liebeneiner hob den Kopf; es war ihm nicht anzusehen, ob er die Ausrede glaubte. Berger beeilte sich, aus dessen Blickfeld zu entkommen, er wollte jetzt nur noch raus da. Der Dschungel wurde dichter. So dicht hatte er ihn gar nicht in Erinnerung. Vielleicht waren sie diesen Weg gar nicht gegangen? Immer mehr tote Gänge. Die mußten auf natürliche Weise zustande gekommen sein, da war ein als offen angelegter Gang einfach zugewachsen. Infolgedessen gab es jetzt keinen logischen Weg mehr, den er hätte verfolgen können, nein, mit Gewalt durch den Wildwuchs mußte er brechen. Er schlug sich durch die Büsche, trat auf etwas Weiches, ein toter Vogel, er schrie unwillkürlich auf, brach durch, aber draußen war er immer noch nicht. Die Sonne fiel jetzt senkrecht auf ihn herab. Obwohl ihm bewußt war, daß er sich keineswegs in einer gefährlichen Lage befand, geriet er dennoch in Panik. Sein Weg führte nirgendwohin, jedenfalls nicht hinaus. Plötzlich stand er wieder vor der Bank, auf der Liebeneiner gesessen hatte. Von dem war nichts mehr zu sehen. Berger kam sich wie ein Kind vor, das sich im Wald verlaufen hatte. Am liebsten hätte er um Hilfe gerufen. Aber das ging selbstverständlich nicht. Also beschloß er, ungeachtet der Hemmnisse, einfach einer geraden Linie zu folgen, dann müßte er ja irgendwann hier herauskommen. Die Hecken waren so dicht, daß es ihm das Hemd zerriß, die Haut schürfte er sich auf, der Schweiß lief ihm in Strömen den Nacken hinab. Er empfand Ekel. Sah fette, schwarze Spinnen. Trat wieder auf etwas Weiches, sah lieber nicht hin. Brach endlich durch, wollte schon befreit aufatmen, da sah er plötzlich Liebeneiner und Marlene vor sich, Arm in Arm. Sie lachten. Das gab ihm den Rest. Er hätte heulen können…

(Aus: Sturz durch den Spiegel, unv. Roman)

NICHTICH

März 2nd, 2010 by Hans Zengeler

Nicht ich. Das ist ein Anfang. Nicht ich. Aber wenn nicht ich, wer dann? Und warum überhaupt nicht ich? Sebastiano schrieb, die Welt bzw. die Gegenwart bestehe aus Milliarden von Stimmen, die alle dasselbe riefen: ICH ICH ICH … Tatsächlich, das scheint mir auch so. Ich höre andauernd Ich. Vorwiegend von mir. Daher also einmal nicht ich. Weil in all den zig Jahren zuvor immer ich, ich, ich. So lange und so häufig ge- und bedacht, be- und gesprochen, bis es unaushaltbar geworden war. Schrecklich, diese Ichfülle, dieser Ichkosmos. Nichts geht mehr. Stillstand also. Angestarrt und an die Wand genagelt vom eigenen Ich. Ich will, ich kann, ich will nicht, ich kann nicht, was geht das mich an, mir geht es auch nicht besonders. Ich bin eben ich, so bin ich nunmal, entweder du akzeptierst das oder du verpißt dich, ich bin ich, ein Egoist wider Willen oder nur aus Bequemlichkeit?

Woher soll ich das wissen?

Wenn ich nun, wie von mir selbst empfohlen, aus mir herausgehe, mich überwinde, übersteige, wenn ich mich also verlasse und mich den zahllosen anderen Ichs zuwende, die ich nicht bin, wo bleibe ich dann? Könnte es mir zum Nachteil geraten? Eine entlarvende Frage. Genau! Einmal nicht ich, hörst du, ein einziges Mal nicht ich. Sondern die anderen. Aber doch nicht ohne mich, oder? Soll heißen: ich mit den anderen, ich für sie? Oder vielleicht doch besser diese Hintertür: Ich als Er getarnt?

Meine Bank!

Februar 27th, 2010 by Hans Zengeler

Jemand saß auf meiner Bank. Und dieser Jemand war eine Frau, keine Einheimische, denn als solche wäre sie niemals auch nur auf den Gedanken gekommen, sich auf diese meine Bank setzen zu können, ungefragt nahm da keiner Platz. Der ganze Ort wußte: Dies ist Bergers Bank. Ich habe sie, wie aus dem an der Rückenlehne angebrachten und stets blankpolierten Messingschild ersichtlich, zwar nur gestiftet und sie somit, streng juristisch betrachtet, zum öffentlichen Besitz erklärt, doch respektierte jeder mein natürliches, durch die Stiftung erworbenes lebenslängliches Sitzrecht, welches sich nun von dieser fremden Frau in Frage gestellt beziehungsweise gröblichst verletzt sah. Es durchzuckte mich sofort: Sie darf da nicht sitzen, sie muß da weg. Und zwar unverzüglich. Sie muß sich entschuldigen. Wenn sie sich entschuldigt, dachte ich, habe ich vielleicht ein Nachsehen mit ihr. Sie attackiert nicht nur mein natürliches Besitzempfinden, sondern verleidet mir gleich noch den ganzen Tag, denn dies ist meine Uhrzeit und dies ist meine Bank. Seit der Stiftung komme ich – so es das Wetter gestattet – täglich zu meiner Bank, ich setze mich darauf und genieße den Ausblick, denn es ist der schönste Platz weit und breit, man kann den ganzen See überschauen, bis hin zu den nahen Bergen, Idylle pur, würde ich sagen. Wenn sie, diese Fremde, wüßte, was alles schon auf dieser Bank gedacht, gefühlt, erlebt worden ist, würde sie sie respektvoll meiden. Sie würde das Schändliche ihres Tuns sofort erkennen und den Platz räumen. Habe ich sie etwa eingeladen, da zu sitzen? Habe ich nicht. Alle wissen das. Erst wenn ich einen mir bekannten, also einheimischen, Spaziergänger auffordere, sich zu mir zu setzen, nimmt er dankend Platz. Er weiß es zu schätzen, auf meiner Bank sitzen zu dürfen und bedankt sich entsprechend, denn es ist wirklich die schönste Bank am schönsten Platz weit und breit. Eine Luxusbank ist es, aus edlen Hölzern gefertigt, das sieht man sofort.

Sie muß da weg, dachte ich immer noch, vielleicht zehn, zwanzig Meter unterhalb meiner Bank stehend und in die Landschaft hinausschauend, daß sie glaubte, ich ignoriere sie völlig. Sie muß da weg, dachte ich immer wieder, aber wie stelle ich das am geschicktesten an? Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, mit welcher Selbstverständlichkeit sie da saß. Sie hatte meine ganze Bank belegt, hatte ihren Rucksack darauf abgestellt und begann auch noch zu essen. Auf meiner Bank! Gut, ich hätte einfach hingehen und sie unter Androhung körperlicher Gewalt verjagen können, was aber selbst bei den Einheimischen ein ungutes Licht auf mich geworfen hätte, immerhin handelte es sich um eine Frau. Mit einem Mann als Besitzverletzer hätte ich keine Probleme gehabt, da hätte ich den richtigen Ton gleich gefunden und ihm notfalls einen Tritt verpaßt, aber wie schaffe ich es, eine Frau gewaltfrei zu verjagen?

Sie hatte offenbar nicht vor, gleich wieder zu gehen. Ich sah, sie fühlte sich wohl, sie saß gut und bequem auf meiner Bank. Und ich konnte nicht gut da stehenbleiben, wo ich stand und ewig in die Landschaft schauen, das hätte ihr Mißtrauen wecken können. Ich wollte nicht, daß sie glaubte, ich hätte es auf sie abgesehen, schon die Vorstellung, sie könnte diesen Gedanken entwickeln, ärgerte mich, denn ich hatte nicht das geringste Interesse an ihr, selbst wenn es sich um die schönste Frau der Welt gehandelt hätte, wäre sie mir gleichgültig geblieben, mir kam es nur auf meine Bank an, auf meinen Platz, auf mein lebenslängliches alleiniges Sitzrecht.

Was sollte ich tun?

Das Schlimmste - das spürte ich -, das Schlimmste war: Selbst wenn die Frau meine Bank wieder räumte, könnte ich nicht mehr so tun, als hätte die Frau niemals da gesessen.

Die Literaturgirlies kommen!

Februar 25th, 2010 by Hans Zengeler

Gestern habe ich meiner Enkelin (8) empfohlen, sie solle unbedingt einen Roman schreiben, ganz gleich worüber, einfach einen Roman raushauen, den sie meinethalben auch lallen könne wie ein Säugling. Ich habe mich im gleichen Atemzug als ihr Manager installiert und erste Vorarbeiten (Presse, Funk, Fernsehen) geleistet. Sensationeller Roman einer Achtjährigen - ein Genie treibt erste zaghafte Blüten - so wird der Roman mit dem Titel “Dada Dudu” angekündigt. Verrückt? Keineswegs. Nach HH’s literarischem Kugelblitzplagiat, zog nun eine 16jährige nach: Siehe Bild-Zeitung
Wobei diese Jüngstautorin betont, nicht abgeschrieben und auch keine Hegemann-Roche-Sprache gebraucht zu haben. Allerdings verspricht sie in ihrem nächsten Roman “etwas mehr Sex”. Die Folge: Noch nicht einmal richtig auf dem Markt, schon in Achttausenderrängen bei amazon.
In diesem Sinne rufe ich alle, die schon einen Stift halten bzw. eine Tastatur bedienen können, dazu auf: Schreibt, Kindlein, schreibt!

Der Wahnsinn heißt Alltag

Februar 22nd, 2010 by Hans Zengeler

Morgen! Sieben Uhr und sechs Minuten, das Wetter. Ob es ein guter oder schlechter Morgen ist, wird sich zeigen. Wird sich nicht lange zeigen müssen. Weil dieser Morgen auch nicht anders sein wird, als der gestrige, vorgestrige. Warum sollte sich ausgerechnet heute alles ändern? Wäre nicht schlecht, wenn. Aber auch nicht tragisch, wenn nicht. Danke, es geht mir gut. Ich bin dreiviertelwegs gesund, habe ein halbwegs luxuriöses Dach über dem Kopf, mein Auskommen auch ohne geregeltes Einkommen, zu Essen, zu Trinken, ich kann nicht klagen. Ich bin, ohne das als Tragik zu empfinden, was vielleicht ein Fehler ist, arbeitslos. Arbeitsfrei, besser gesagt. Ich lebe also in einem Zustand der Arbeitsabwesenheit. Obwohl es in und an so einem Haus natürlich immer genügend zu tun gäbe. Aber eben nicht das, was mir als Tun vorschwebt, ich meine, was mich befriedigt. Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung. Worin genau nun dieses mich befriedigende Tun bestehen könnte, weiß ich nicht. Das ist die einzige Tragik, daß ich es nicht weiß. Obwohl ich mir wirklich Mühe gebe, es in Erfahrung zu bringen. Was schwer ist. Weil ich meine Begabungsschwerpunkte nicht kenne. In einem meiner früheren Leben wurde mir vom Berufsberater mal geraten Berufsberater zu werden. Vielleicht gehöre ich ja zu denen, die alles und nichts können. In letzter Zeit hat sich jedoch der Eindruck verfestigt, eher nichts zu können. Das hängt mit der Verlustlinie zusammen, an der mein Leben konsequent entlangschreitet. Ich bin, könnte man sagen, lustlos. Am schlimmsten ist der totale Lustverlust. Es kann durchaus vorkommen, daß ich mich an einem Morgen wie diesem auf die Couch lege und darüber grüble, was Lust denn bedeute, wie sie sich anfühle, woher sie komme, was sie bewirke, wie sich lebe damit. Dann versuche ich mich zu erinnern: Wann habe ich zum letzten Mal Lust gehabt? Lust worauf? schießt gleich die nächste Frage in den Kopf, und der Liegende antwortet: Lust allgemein. Danach hat er schon keine Lust mehr, über Lust zu grübeln. Er schläft ein. Er träumt nicht. Dabei hätte er wirklich Lust auf einen Traum. Er injiziert Bilder ins schläfrige Bewußtsein, Bilder, aus denen sich ein Traum entwickeln soll. Das ist ermüdend. Er kippt weg ins traumlose Schwarz. Er wacht auf und bedauert, traumunfähig geworden zu sein. Vielleicht ist das ja eine Krankheit? Aber er hat absolut keine Lust, sie in ärztliche Hände zu legen. Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung. Schon wieder springt mir dieser Satz vors geistige Auge, wo habe ich ihn bloß her? Gelesen, irgendwann. Bestimmt. Vom Buch nichts mehr wissen, aber so ein Satz muß ja hängenbleiben. Welche Erfahrung? Viele! Also auch viele Geschichten? Nein, keine Lust, in endlos lange Erinnerungskanäle abzutauchen, alles alte Kamellen, es gibt keine Variationen mehr, nichts zu entdecken. Alles Scheiße, deine Elli! Was für eine überragend geistige Leistung! Na, das ist eben Stand der Dinge, was soll man machen? Wen interessiert das? Was laberst du dein Spiegelbild an? Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung. Aber komplexe Vorgänge verunmöglichen die Geschichte. Gibt keinen Anfang, keinen Höhepunkt, kein Ende. Das ist so offen, wie ihm der Arsch offen ist. Siehst du! Schon wieder so eine Glanzleistung. Das Thema lautet: Lustverlust infolge Verblödung. Oder Verblödung infolge Lustverlust. Ein Mann, ein Mensch, präziser gesagt, Ende vierzig, ein Meter einundachtzig groß, achtundsiebzig Kilo, Haarfarbe braun angegraut, Augen braun, maskenhafte Physiognomie, Beruf berufslos, derzeit …

Hegemannia - letztmalig

Februar 18th, 2010 by Hans Zengeler

Liebe Helene Hegemann, bitte beklaue mich! – könnte man alsbald vielerorts lesen, wenn man bedenkt, dass der beklaute Autor nun bei Ullstein unter Vertrag genommen worden ist – sein Buch soll im Herbst erscheinen. Und in der vierten Auflage (Quelle: Faz.net) sei nun ein vierseitiger Quellennachweis angefügt (ohne Garantie auf Vollständigkeit).

Was schließen wir jetzt daraus?

HH hat immerhin ein Stück Literaturgeschichte geschrieben, indem sie ein völlig neues Genre geschaffen hat, nämlich das sogenannte Hegemanndln, also das Kreuzen von Texten mit Texten, was Literaturwissenschaftler demnächst als den intertextuellen Roman bezeichnen werden.

Also: Beklauen lassen. Warten bis das Buch mit den geklauten Textstellen erscheint und von den Feuilletonisten hochgejubelt wird. Dann sofort einen Literaturagenten (Achtung: neues, gewinnbringendes Betätigungsfeld) einschalten, der das Empören für einen übernimmt. Man könnte auch einen Autor mit guten Beziehungen zum Literaturbetrieb mit dem Diebstahl beauftragen. Honorare werden geteilt. Usw. Usw. - die Möglichkeiten sind grenzenlos. Danke Helene! Weiter so!

Networkers Infarkt

Februar 15th, 2010 by Hans Zengeler

Ob wir uns mal wieder treffen könnten, fragte ich ihn, Wie, treffen? fragte er zurück, Treffen eben, sagte ich, in einem Café, einer Kneipe, egal wo, Ach, sagte er, im realen Leben meinst du, Genau, sagte ich, Aug in Aug gewissermaßen, Au! stöhnte er, das dürfte schwierig werden, er komme ja kaum noch zum Schnaufen vor lauter Terminen, beispielsweise sei er im Augenblick dabei, sein Facebook-Profil zu aktualisieren, dann müssten noch Kontaktanfragen bedient werden, was alles gleichzeitig auch noch getwittert werden müsse, anschließend rüber zu MySpace, diverse Gruppenaktivitäten, twittern nicht zu vergessen, man müsse die Welt ja auf dem Laufenden halten, kaum Zeit, wie gesagt, denn Xing warte auf ihn, 139 Gruppen, in denen er Artikel eingestellt habe, worauf reagiert werden müsse, er meine, auf die Antworten der Antworten der Antworten, 1012 Kontakte habe er übrigens inzwischen auf Xing, das brauche man heutzutage alles, Business, verstehst du, ohne Contacts geht nothing, er habe mal errechnet, dass er mittlerweile über insgesamt 1.320.229 Kontakte verfüge, also die Kontakte der Kontakte seiner Kontakte eingeschlossen, was hilfreich sein könne, bräuchte er mal eine Unterschriftenliste zur Unterstützung seiner Wahl zum Netzkaiser Deutschlands, doch nun erstmal im zweiten Fenster alle momentanen Activities getwittert, und dann, ja dann, habe er, um seine schriftellerischen Bedürfnisse zu befriedigen auch noch ein Portal namens Bücherbrett entdeckt, dort natürlich sofort Gruppen und zehn Blogs angelegt, ich könne mir ja unter Umständen vorstellen, was das bedeute, also ein Treffen, real mit real name, zeitlich momentan undenkbar, ich könne es ja mal an Weihnachten versuchen, ob mir das recht sei, Oder, wenn der Strom ausfällt, scherzte ich, was er gar nicht verstand, Sorry, sagte er, eben wieder eine Kontaktanfrage eingetroffen, er werde nochmal meschugge, er drehe gleich durch, es komme ihm vor, als wolle alle Welt sich bei ihm versammeln, und du willst mich treffen? Schon gut, sagte ich, kannst mich streichen und schickte ihm diesen Link ….

Nichts denken!

Februar 15th, 2010 by Hans Zengeler

Mit dem Denken geht es ihm wie mit dem Atmen. Es kommt ihm vor, als würde er den soeben ausgehauchten Atem, verbraucht wie er ist, wieder einatmen, was einem permanenten Vergiftungsprozeß gleichkommt, an dem er nochmal krepieren wird. Daran darf er nicht denken, das verbietet er sich. Er will doch überhaupt nichts denken. Er gibt sich Mühe, doch mißlingt ihm das Nichtsdenkenwollen andauernd. Sobald er nichts zu denken versucht, muß er zwangsläufig denken, jetzt denke um Gottes willen bloß nichts! Nicht ein Wort! Kaum hat er „Wort“ gedacht, wird ihm, aus den optischen Erinnerungsfeldern, beispielsweise ein Ball vors innere Auge geschossen, der seinerseits Erinnerungen auslöst. Der nichts denken möchte, kann nicht umhin, den Gegenstand zu benennen: Ball. Jetzt denkt er: Ball. Und schon ist es aus mit dem Nichtsdenkenwollen.

Er sperrt sich.
Schnitt! ruft er.
Nichts denken!
Warum nicht? hört er seinen Gedankenprozessor fragen.
Weil es mich auffrißt, antwortet er. Ich muß mich erholen, ich muß leer werden, damit ich mich wieder mit klaren, gesunden Gedanken füllen kann.

Er bittet die Welt seiner kranken Gedanken um Nacht und denkt gleich erschrocken Umnachtung, denkt Wahnsinn und muß sich vorstellen, wie alle Gedanken außer Kontrolle geraten, selbständig sich weiterentwickeln und wie er dann elend ersäuft in diesen reißenden Fluten…

Eine Furzidee, buchstäblich …

Februar 9th, 2010 by Hans Zengeler

… Du hast ein Buch übers Furzen geschrieben? staunte Golo. Nöd schlecht, Oida.

Gisa rief: Noch a Schenie!

Josef schüttelte den Kopf. Er habe das nur mal aus einer Wut heraus begonnen, weil jeder halbwegs Prominente erfolgreich seine völlig belanglosen Hirnfürze in die Welt hinausposaune und sich daran dumm und dämlich verdiene, soviel zum Thema, was man schon immer nicht wissen wolle. Das Buch hätte „Der Furz und seine Beziehung zum Unbewussten“ heißen sollen. Eine Furzidee, buchstäblich. Später habe er an eine Weltgeschichte menschlicher Flatulenzen gedacht, er sei von einem regelrechten Wissenschaftsfieber gepackt worden. Vom sozusagen göttlichen Urknall – hier lachte Golo sogar, was Josef unerwarteten Auftrieb verlieh – bis hin zum Weltuntergangsfurz, der letzten Blähung, der Endflatulenz. Dazu habe er die Kategorien bestimmt, wie beispielsweise die Stotter- und Knatterfürze, die Trompetenstöße, die Jammerfürze und Trockenkanonen, die Wimmer-, Winsel- Klage- und Kollerfürze, die Schleich-, Geruchsverzögerungs- und Sprengfürze, nicht zu vergessen die Kapitulationsfanfaren der Lüsternheit, die den Triumph des Fleisches über den Willen verkünden. Und so weiter. In einer späteren Bearbeitung habe er sozialpsychologische Komponenten einzubinden versucht, also gewissermaßen an ein Klassenbewusstsein der Darmbläser gedacht, welches mit dem schamfrei entlassenen, ja man könne fast sagen fröhlichen proletarischen Furz beginne, der in höheren Schichten verpönt sei, tabuisiert nachgerade, dort könne man von einer regelrechten Verklemmung sprechen, nach innen würde dort geblasen, was einer langsamen Vergiftung gleichkomme, Stoff für weitere Untersuchungen, aber alles in allem nur eine Furzidee, wie schon gesagt …

Eh kloar, lachte Gisa.

Golo wiegte den Kopf. Schwierig fürs Fernsehen, aber bedenkenswert. Szenisch eventuell darstellbar als Furzakademie, so wie es früher mal, mit dem Theo Lingen, glaube er, eine Witzakademie gegeben habe, und nun eben eine Furzakademie, in der einem das rechte Tuten und Blasen beigebracht werde.

Ich sag’s ja, witzelte Gisa, er is a Schenie, er mochd aus jedem Schas noch Kunst.

Bloß könnten das die Privatsender als für zu anspruchsvoll halten, gab Golo zu bedenken. Wer sich totlachen könne über einen dicken, dauernd furzenden Kurt, der lache nicht unbedingt über den literarischen Weltuntergangsfurz.

Eh kloar, entfuhr es Josef.

Unsinn, alles Unsinn, mischte sich Ira ein. Ob Josef denn nicht merke, dass ihn Golo verarsche? Kein Mensch mit halbwegs Verstand könne das ernst meinen.
Golo widersprach heftig. Er scherze gerade in solchen Dingen nie. Was die Komik betreffe, nehme er alles bitter, um nicht zu sagen brutal ernst. Das höre sich vielleicht alles blödsinnig an, sei aber auf eine hinterfotzige Weise trotzdem mit Tiefsinn behaftet, also ernst zu nehmen. Zum Beispiel seien die Redakteure von seinem Partnershopping ganz hingerissen gewesen, auch von seinem ersten Exposé zur Sinnlosigkeitstalkshow, die hätten darin einen höheren, einen gewissermaßen letztgültigen Sinn der Komik erkannt. Weiter so! hätten die gejubelt, weiter so, Golo, treib’s auf die Spitze, zeig’s uns, gib uns Saures! Ihm sei das vorgekommen, als wollten diese akademisch überzüchteten und deswegen auch schon völlig verblödeten Redakteure alles mit großem Lustgeschrei gegen die Wand fahren, jegliche Kultur, Hauptsache die Quote bei den angepeilten werberelevanten Gruppen stimme, der Rest kann uns scheißegal sein. Und ihn, Golo, habe das auf die Idee des Vernichtungsschreibens gebracht, er wolle mit seinen Sendungen gezielt dazu beitragen, dass diese ganze Scheiße den Bach runtergehe, sein Ziel sei es schließlich, sich selbst als Fernsehmacher auszulöschen, aber vorher müsse noch einmal kräftig abkassiert werden, vaschdösd?

(aus: “Gestorben wird später”, Roman, ISBN 978-3-86858-203-1, 212 S. 14,80)